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Spieltrieb

Zeh, Juli

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[ Buchtipp von Freie Bibliothek ] Über der Justiz gibt es nur den blauen Himmel. Juli Zeh´s neuer Roman handelt von der Unentscheidbarkeit eines Gerichtsfalls, in dem die nötigen Kriterien für ein Urteil über Recht und Unrecht fehlen.
Die Erben des Nihilismus kennen den Unterschied zwischen wahr und falsch nicht mehr, darum fehlt das Unrechtsbewußtsein und die Frage, ob jemand schuld oder unschuldig ist, bleibt unverifizierbar. Was dann entscheidet ist die Spieltheorie. Der Unterschied zwischen Realität und Phantasie ist damit aufgehoben. Es geht nicht mehr darum, wer Recht hat und wer Unrecht, sondern darum, wer gewinnt, und wer verliert. Die Frage nach der Wahrheit bleibt unbeantwortet. Das Verfahren endet im Ver-fahren.

„Spieltrieb“ ist die literarische Umsetzung des Gefangenendilemmas, dargestellt in einem Gerichtprozeß, in dem drei Figuren aufeinanderprallen: Ada als Zeugin, ihr Lehrer Smutek, dem sexueller Mißbrauch an Ada, seiner Schutzbefohlenen vorgeworfen wird, und Ada´s Schulfreund Alev, der das ganze per Fotos festhält. Smutek und Ada werden frei gesprochen, Alev bedingt verurteilt.

Man sollte meinen, jedem Menschen müsse von sich aus einleuchten, das es der Wahrheit bedarf, um Recht von Unrecht zu scheiden. Wie wir heute jedoch in der Welt sehen können, lassen sich Politiker von Terroristen kaum noch unterscheiden –und das hat ihren Grund in der Ablehnung einer absoluten Wahrheit. Wahrheit ist zu einer Frage des Geschmacks verkommen –weit haben wir es gebracht!

„Die Zeit“ schreibt richtig, wenn sie am Cover bemerkt: „Spieltrieb ist ein Roman, den alle Schüler und Lehrer lesen sollten. Er zeichnet mit großem Verstand ein helles Bild unseres dunklen Zeitalters.“ Und wer ist nicht gelegentlich Schüler oder Lehrer?

Ein Appell meinerseits: Macht bitte schnell, denn wie Ada am Ende des Buches richtig bemerkt: „Was nützt es uns, daß wir in zwei oder drei Jahrzehnten Recht gehabt haben werden, daß man uns im Nachhinein anerkennend „Die Ersten“ nennen wird?“

[ Info ] Zeh, Juli: Spieltrieb. btb Verlag, München/2006 . ISBN: 3-442-73369-3.


Dieses Buch ist ...

Genre: Roman
Stichworte: innovativ, beeindruckend, meisterhaft
Stil: lehrreich, spannend, satirisch
Empfohlen für: Sprachgenuss, Lektüre zum Nachdenken
Sprachen (Buchtipp): Deutsch


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Margit Strobl

[ 18.02.06 - 16:42 ] [ Kommentar von Margit Strobl ] Strebt nicht nach Erweiterung eures Bewußtseins, vermindert eure Taubheit!


Margit Strobl

[ 18.02.06 - 16:42 ] [ Kommentar von Margit Strobl ] Viel Szenischer Witz und Formulierungen, so haarsträubend intensiv wie sonst nur bei Djuna Barnes!


Margit Strobl

[ 18.02.06 - 16:42 ] [ Kommentar von Margit Strobl ] Spieltreib ließe sich auch völlig anders rezensieren; als geistesgeschichtliche Zusammenfassung des 20. Jahrhunderts zum Beispiel. Oder als Portrait eines „Schwellen-Mädchens“, das als Prototyp eines neuen Zeitalters am System des alten Paradigmas scheitert. Ebenso wird die Logik von Macht und Unterdrückung, wie in Musils „Zögling“, dargestellt. Spieltrieb ist voller Querverbindungen und all die implizierten Aussagen und nicht deduktierten Wahrheiten lassen auch komplett andere Ansätze und Schwerpunkte erkennen. Zeh formuliert keine Meinungen, trotzdem drängen sich viele Schlüsse geradezu auf. Besonders empfehlenswert zu lesen sind auch ihre Interviews. So ein intelligentes und literarisch vollendetes Buch habe ich selten gelesen –und doch wird ihre Lektüre noch lange heftig umstritten bleiben. Ich freue mich über zahlreiche Kommentare zu diesem Buch. Last not least: Ihre bildhaften Vergleiche, Metaphern und Allegorien sind zum Schreien. Es gibt nicht viele Autoren, die so intelligent sind, daß sie es sich leisten können, witzig zu sein: Juli Zeh gehört dazu! Am meisten wird man dieses Buch schätzen, wenn man Nabokov, Thomas Mann, und vor allem Musil mag. Ich beglückwünsche all jene, die sich für dieses Buch entscheiden!






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