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Die Möglichkeit einer Insel

Houellebecq, Michel

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[ Buchtipp von Freie Bibliothek ] Nachdem Houellebecq in seinen früheren Romanen den Nihilismus pluralistischer Gesellschaften gründlich abgearbeitet hat, untersucht er in seinem neuesten Buch "die Möglichkeit einer Insel", auf der die Bewohner frei von genetisch determinierten Trieben leben - und erkennt das als absolute Voraussetzung bedingungsloser Liebe. Die Tristesse ergibt sich durch das Scheitern seiner Figuren an diesem Vorhaben.
Er entwirft drei Gattungen: Die Gegenwartsmenschen, mit einem Hauch geheuchelter Restmoral, die nur unschwer als die domestizierten Affen des 20. Jahrhunderts zu erkennen sind, die skrupellosen Neo-Menschen, jene scheinbar unabhängigen Klon-Maschinen, die ihre Ethik und Gefühle eingebüßt haben, aber noch genauso fleischfixiert sind wie ihre Vorgänger, und schließlich die Idee der "Zukünftigen", von denen er uns aber nur eine vage Vorstellung vermittelt.

Wer den Franzosen bisher nicht leiden konnte, weil er seine Bücher zu pornographisch und abstoßend fand (ich würde sie eher nüchtern, ehrlich und realistisch nennen) könnte ihm noch mal eine Chance geben. Zwar kommt er auch diesmal nicht ohne die Schilderung mechanisch vollzogener Sexspiele aus, konzentriert sich aber vorrangig auf die Erschaffung des Prototypen einer Neo-Menschen-Ära, dessen Urheber er uns als Vertreter einer Sekte präsentiert, deren Ziel im Klonen von Menschen besteht, die zwar nicht unsterblich sind, dafür (scheinbar) unfähig zu leiden. Aber auch diese Gemeinschaft zerbricht letztlich an ihrer Gensteuerung. Erst am Ende des Buches gelingt es der Abtrünnigen Marie23, diese letzte Steuerung zu durchbrechen. Das es zuvor dem pornographischen Spiegel bedarf ist zwar schade, aber notwendig, um Verständnis und Bestsellertauglichkeit zu garantieren.

Den perspektivischen Wechsel von Gegenwartsmenschen und Klon-Menschen vollzieht Houellebecq in Form von Kommentaren, die er diese von ihrem Leben anfertigen läßt, um sie den Aufzeichnungen ihrer Vorgänger gegenüberzustellen.

Michel Houellebecqs bisher reifster und am stärksten autobiographisch beeinflußter Roman.

[ Info ] Houellebecq, Michel: Die Möglichkeit einer Insel. DuMont Literatur und Kunst Verlag, 2005 . ISBN: 3832179283.


Dieses Buch ist ...

Genre: Roman
Stichworte: gründlich, blitzgescheit, ungewöhnlich
Stil: experimentell
Empfohlen für: Lektüre zum Nachdenken, Bettlektüre
Sprachen (Buchtipp): Deutsch


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Margit Strobl

[ 03.06.06 - 23:20 ] [ Kommentar von Margit Strobl ] Ausgangspunkt: Die fundamentale Erfahrung des Gegenwartsmenschen ist Leid aufgrund des Alterns. Die logische Konsequenz des Jugenkults ist der Suizid zu einem Zeitpunkt, an dem der Schmerz größer wird als das noch zu erwartende Glück. Unsere Kultur hat sich von allen Dogmen verabschiedet, die Unterdrückung kann nicht mehr durch Konzepte erreicht werden, sie hört aber nicht auf, sondern wird durch die Genetik ausgeübt. Im Gegensatz zur Welt der Zukünftigen: Die Intermediation muß frei von Not zur Gesellschaft der anderen werden, um den Zustand zu erreichen, in dem die simple Tatsache dazusein als solche schon einen ständigen Anlaß der Freude darstellt, indem die Intermediation nur noch ein reines, frei entfaltetes Spiel ist, ohne daß sich das Dasein darauf gründet. Gleichgültigkeit ist also die Voraussetzung für die Möglichkeit der Gelassenheit und somit Ende der menschlichen Not. Diese Haltung kennt man aus den Schilderungen der transzendentalen Spiele gewisser altindischer „Mythen“. Den fundamentalen Unterschied zwischen Gegenwartsmenschen, den Klonen der Neo-Ära und jener Ausbrecherin Marie23, die von den ebenfalls genetisch bedingten Neo-Menschen abstammt, beschreibt der Visionär Houellebecq so: „Im Gegensatz zu uns sind die Zukünftigen keine Maschinen und nicht einmal wirklich getrennte Geschöpfe. Sie sind eins und trotzdem unterschiedlich...Das Licht ist eins, aber seine Strahlen sind unzählig. Ich habe den Sinn des WORTS wiedergefunden.“ Nie zuvor hat ein abendländischer Roman-Autor das acintya-bhedabheda-tattva für den aufmerksamen Subtextleser so prägnant formuliert wie er, noch mehr: er zeigt, daß die Wahrheit der Religion nicht durch Dogmen verstanden werden muß, sie ist -und war immer auch- der liebenden Vernunft (intelligencia amore) zugänglich. Wer den Satz Houllebecq´s begreift, mit dem er die „Zukünftigen“ erträumt: „Sie sind eins und trotzdem unterschiedlich“ hat die Spitze der Philosophie erklommen. Über die literarische Qualität des Werks läßt sich streiten: doch ein ehrlicheres Buch hat im Westen wohl noch keiner vorgelegt. Das lebendige Wort, welches die Griechen des Hellenismus durch falsches Verständnis ermordet haben, jenes Kollektivverbrechen also, welches das gesamte Abendland zu vernichten bedroht und von intellektuellen Speerspitzen als kollektiver Irrweg bezeichnet wird, kann durch diesen Meister in ihrer Totalität von Wort und Eigenschaft reinkarniert werden. Ob wir die Auferstehung der Erben des lebendigen Wortes allerdings noch miterleben werden ist angesichts der Ewigkeit der Wahrheit so fraglich wie unerheblich. Das es dazu einer Umwandlung des physischen Menschen von Kohlenhydrat auf Siliziumbasis unter Anbindung externer Chips bedarf, wie von Houellebecq angedacht, glaube ich nicht. Schaut man sich die Denkansätze der Post-Quantenmechanischen Forschung an, wird man zum Ergebnis kommen, daß es dazu lediglich einer Datenumkehr in Richtung eines abwärtsgerichteten Erkenntnispfeils bedarf. Die Speicherkapazität der Zellstrukturen, aber auch die Belastung der neuronalen Netze sind völlig ausreichend und auf das hundertfache steigerbar. Das Gehirn und andere Speichermedien sind in der Quantenwelt ja lediglich als Zwischenspeicher notwendig. Lädt man die Daten direkt und in Echtzeit von den kosmischen Trägern runter, -wie sie etwa von Dr. Armit Goswami beschrieben werden- braucht man sie eigentlich gar nicht. Transplantate sind dafür eher ungeeignet angesichts der rasanten technischen Entwicklung. Freilich werden wir –wie uns die USA zeigt- derlei „Innovationen“ trotzdem anwenden, haben wir doch immer schon unsere Zeit und Geld in überholte Techniken investiert. Die Umstellung auf die Ewigkeit kommt vermutlich erst nach dem Zusammenbruch aller Machstrukturen, also dann, wenn alle am selben Projekt arbeiten. Die Menschheit wird sich meiner Meinung nach so lange damit Zeit lassen, bis unsere Schöpfung als ganze von einer außerirdischen Existenz bedroht zu sein scheint. Wir werden eine großangelegte Inszenierung brauchen, die Massen in Todesangst stürzen müssen, um die Menschheit für kurze Zeit a la Armageddon auf ein gemeinsames Ziel einzuschwören. Houellebecq ist sehr klug, aber Vorsicht: Auch bei diesem Buch gilt: Die abstoßende Grausligkeit kommt nicht aus dem Buch, sondern liegt im Leser. Nicht die Zeilen mit den eigenen Gedanken verwechseln! Was Houellebecq von anderen Schriftstellern unterscheidet ist seine Fähigkeit, abseits seiner eigenen Bedürfnisse und Meinungen zu zeitunabhängigen und wahren Aussagen vorzustoßen. Er lehnt Religionen rigoros ab, weil sich aus ihr die Wahrheit nicht mehr extrahieren läßt, ohne vom Pöbel angegriffen zu werden, nichts desto trotz ist er überaus religiös. Seiner Einschätzung nach wird der Mensch nicht aus seinen Fehlern lernen, zumindest glaubt er, daß er die Ankunft der „Zukünftigen“, von denen er am Ende des Romans träumt, nicht mehr erleben wird. „Die Möglichkeit einer Insel“ besitzt das Potential, dem ernsthaften Leser das Verständnis der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu offenbaren. Es bietet (im Kern!) einen sinnlichen und intellektuellen Zugang zu allem, was der Mensch je wissen kann. Auch wenn das Buch nur partiell, oder völlig mißverstanden wird, bietet es höchsten Lesegenuß: der Grund, warum es ein Bestseller wurde? Er wird uns (das hoffe ich) in naher Zukunft ein Werk vorlegen, in dem der Held ab Beginn frei von metaphysischen Verstrickungen und frei von der Genfessel, auftritt. Wie viele Leser hoffe auch ich, er wird eine Form finden, in der dies möglich ist. Das es der klassische Roman sein wird, ist eher nicht zu erwarten.






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