Über Leopold Federmair
- Leserprofil
Name: Leopold Federmair
Sprache: Deutsch
Stadt: Hiroshima
Land: JPN
Bücher: 14
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[ Buchtipp von Leopold Federmair ] Jean-François Lyotard hat den Begriff der Postmoderne zwar nicht erfunden, ihn aber neu geschaffen, indem er ihn einerseits auf viele Gebiete geistiger Tätigkeit anwandte und ihm andererseits einen starken geschichtsphilosophischen Gehalt verlieh. Das heißt nicht, daß er eine klare Definition geliefert hätte. Einmal antwortete er auf die Frage, was das Wort nun eigentlich bedeute, er wisse es nicht. Gerade dieses Schillernde, zum Fragen und Nachhaken Anregende, Kritik Fördernde halte ich für eine große Stärke des Begriffs. Viele Intellektuelle haben ihn mit Distanz oder gar Verachtung gebraucht, und dennoch hat man bei diesen Diskussionen immer wieder das Gefühl: Etwas ist schon dran, wir leben tatsächlich in einer letztlich immer noch unverstandenen Epoche, die sich als Postmoderne ganz gut benennen und schlaglichtartig erhellen läßt. Lyotard hat in seinem Buch und noch mehr in diversen Apostillen und Interviewbeiträgen klar gemacht, daß der Sinn von Postmoderne an den Begriff der Moderne gebunden ist. Es kommt also immer auch darauf an, was man unter letzterer versteht. Die Postmoderne wäre demnach eine Vielfalt von Versuchen, die Aporien der Moderne dingfest zu machen und Schlüsse daraus zu ziehen, ohne das Vorangehende zu verwerfen.
[ Info ] Lyotard, Jean-François: Das postmoderne Wissen. Ein Bericht.
Passagen Verlag,
Wien 2005, 5. Auflage
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Genre: Wissenschaftliche Abhandlung
Stichworte: interessant
Stil: lehrreich, ernsthaft
Empfohlen für: Lektüre zum Nachdenken
Sprachen (Buchtipp): Deutsch
[ 03.07.06 - 04:43 ] [ Kommentar von Leopold Federmair ] Ja, lieber Klaus Zeyringer, Robert Menasse ist in der Tat der letzte "große" Erzähler: ein Nostalgiker des Hegelianismus. Seine Poetikvorlesungen, ein journalistisches Traktat von großer Selbstgefälligkeit, erschienen unter dem großartigen Titel "Die Zerstörung der Welt als Wille und Vorstellung", der wohl den Autor in große Kontexte stellen soll, aber irreführt, weil die Vorlesung weder mit Schopenhauer noch mit seiner Thematik etwas zu tun hat, dieses ach so radikale Werk habe ich folgendermaßen gelesen: Menasse beginnt seine fünf Frankfurter Poetikvorlesungen mit ebenso vielen «Geständnissen»: Er sei ein Hochstapler, er sei Spinoza, er habe Kassandra kennen gelernt, er sei ein Mörder, er sei Gott. Alle diese Geständnisse dementiert er in seinen Ausführungen; die Ichbezogenheit wird zwar ironisiert, aber eigentlich nicht zurückgenommen, sondern verstärkt. Menasses Vorlesungen sind ein Beispiel für die Tatsache, die Jürgen Habermas vor kurzem festhielt, dass nämlich die allzu menschliche Schwäche der Eitelkeit und die personalisierende Tendenz der Massenmedien eine schwer lösbare, der Aufklärung nicht unbedingt förderliche Allianz eingegangen sind. Der Leser wird sich fragen, was Poetikvorlesungen mit den Massenmedien zu tun haben. Geht es vielleicht um die literarische Darstellung des Medieneinflusses auf das Leben, eines der Lieblingsthemen des Feuilletons, also der Medien? Nein, Menasse hat die Poetik kurzerhand und erklärtermassen zur Antipoetik umfunktioniert und in Frankfurt über Tagespolitik, Kanzler Schröder, «FAZ»-Feuilletonredaktor Kämmerlings geredet und ein paar menschheitsgeschichtliche Exkurse locker hinzugefügt und sich dabei eines rhetorisch brillanten, mit Wortwitz geschmückten journalistischen Diskurses befleissigt. So heftig sich andere Dichter - dieses Wort nimmt Menasse gern in den Mund - von den Massenmedien distanzieren, so sehr hat Menasse sich ihnen verschrieben. - Was die Geständnisse betrifft, so ist eines im Frankfurter Adorno-Hörsaal undementiert stehengeblieben: Menasse hat Kassandra nicht nur persönlich kennen gelernt, nein, er ist Kassandra. Er beschwört seine Zuhörer, dass die Weltläufte ein böses Ende nehmen werden, wenn sie so weiterlaufen. Menasses Wissen um die Zukunft ist jedoch nur eine Folge seiner Fähigkeit, die Vergangenheit verlässlich zu analysieren, weil er die Gesetze der Geschichte kennt. Schon in seinem ersten Roman, «Sinnliche Gewissheit», zu einer Zeit veröffentlicht, als die Welt nicht an ihrer Alternativlosigkeit zugrunde zu gehen schien, sondern an der erbitterten Alternative zwischen Ost und West, schon in diesem ersten Roman hatte Menasse den von ihm sehr gut gelernten Hegel von den Füssen auf den Kopf gestellt und eine Rückentwicklungstheorie vorgetragen, die offenbar zu seiner nachhaltigen Obsession wurde. Denn worauf das von ihm avisierte «Ganze» auch hinauslaufen mag, Menasse hält seit den siebziger Jahren an etwas fest, das (laut Karl Popper) am meisten zum menschlichen Unglück des 20. Jahrhunderts beigetragen hat - am Historizismus. Nebenbei wirft diese Obsession ein Schema ab für den Dichter, der allenthalben Entwicklungs- und Rückentwicklungsromane sieht: Das Ich, die Zuhörer, das Kapital und sogar der ewig junge Werther entwickeln sich (zurück). Nur in einem Punkt rückt Menasse von den alten marxistisch-lukácsianischen Überzeugungen ab. Das revolutionäre Subjekt nämlich sei nicht die von Marx und Lukács für diese Rolle vorgesehene Arbeiterklasse gewesen (noch für dieses Dementi hat Menasse eine historizistische Erklärung parat). Ohne revolutionäres Subjekt gebe es aber keinen Fortschritt der Geschichte, sondern allenfalls einen Rückschritt. Da sich nun aber weit und breit kein historisches Subjekt, das diese Qualität erfüllen könnte, zeigen will, tritt der Dichter selbst an die frei gewordene Stelle und reicht seinen Zuhörern die Hand: Ihr seid es, ihr müsst die Fahne der Geschichte aufnehmen! «Und Ihre Antwort ist: Nein, wir sind Gott!» Auf diese Weise greift Menasse den Leuten unter die Arme - es ist der letzte Satz seiner fünften Vorlesung, und der Leser des Buchs ist versucht, sich vorzustellen, wie das Publikum im anschwellenden Chor ruft: «Wir sind Gott, wir sind Gott!» Wäre das nicht der Anfang der Revolution? So versteht Robert Menasse den Begriff «Engagement»: jetzt handeln, in diesem Hörsaal; jetzt mit der Revolution, mit dem alternativen Denken, mit dem Einfordern der Demokratie beginnen. Eine richtige Erlebnis-Vorlesung! Im Eifer des Schwadronierens hatte Menasse bei seinem Überblick über die Entwicklung von Begriff und Praxis des Engagements darauf vergessen, den Erfinder dieses Begriffs, Jean-Paul Sartre, und dessen hervorragendsten Praktikanten, Albert Camus, auch nur zu erwähnen. Bei Camus hätte er lernen können, wie man Engagement begründet, ohne sich auf Entschädigungen durch den Geschichtsverlauf zu verlassen. Camus hätte ihm die Chance geboten, zu sehen, wie sich ein Individuum in Freiheit entwerfen kann, ohne Rücksicht auf «historische» Zwänge, ohne Notwendigkeit strahlender Utopien. Stattdessen klammert sich der majestätische Dichter an Voraussetzungen, die ihm offenbar in jungen Jahren eingeflösst wurden. Und so kann er sich nicht einmal vorstellen, was politisch anstünde und wofür Habermas gute Argumente liefert, nämlich Demokratisierung nicht im Rahmen der alten, in die Krise gekommenen Nationalstaaten, sondern auf europäischer und weltweiter Ebene.
[ 23.06.06 - 13:32 ] [ Kommentar von Walter Grond ] Freilich besteht die "Sehnsucht nach dem Dahinter" weiter, keine Frage. Dann läuft doch alles Nachdenken darauf auf die jeweils bestimmte Sozialisation und den daraus folgenden Codes und Encodierungen hinaus? Im Grunde auf Generationenablösungen. Ist das nicht auch zu kurz gefasst? So wie es kein verbürgtes Recht auf Wahrheit gibt, kann es auch keine quasi natürliche Weiterentwicklung geben. Vieles kommt dazu, vieles geht verloren - und in Kategorien von Affirmation und Kritik zu denken, bedeutet doch auch, sich bewusst zu machen, dass in vielem schon einmal mehr erreicht war. Ich habe Lyotard nie als einen Denker des Ausschließlichen wahrgenommen, werde jetzt nach deinen Ausführungen allerdings seine Bücher wieder lesen müssen.
[ 23.06.06 - 13:09 ] [ Kommentar von Klaus Zeyringer ] Selbst wenn wir eine eher allgemein bemerkbare Aufmerksamkeitsökonomie ansetzen, läßt sich nicht durchgehend beobachten, daß nur "einfache Erzählung" durchdringt. Eine Erzählung kann auf einer "Oberfläche" linear und "einfach" scheinen, dahinter freilich jede Menge Reflexionsketten bieten, siehe Voltaires "Candide". Die Reflexion ist ein Angebot, das auch im scheinbar Einfachen stecken kann. Der Gebrauch der indirekten Rede in Kehlmanns "Vermessung der Welt" (und viele anderen Komponenten dieses Romans) ist, auch mittels des dadurch entstehenden Tons, ein Angebot, über das Erzählen von Historie nachzudenken. Daß Lyotard unrecht hat, die Sehnsucht nach dem "Dahinter" gehe verloren, beweisen zahlreiche aktuelle Texte, Essays, äußerungen - und das beweist ja auch so eine Debatte wie diese hier.
[ 20.06.06 - 07:46 ] [ Kommentar von Walter Grond ] Ließe sich Folgendes mutmaßen: die derart angezeichnete Vereinheitlichung der Welt mittels der großen Erzählung "Gut/ Böse" erklärte auch die gegenwärtige Aufmerksamkeitsökonomie: es kann zwar alles erzählt werden, erfolgreich aber nur, wenn es sich dem "einfachen" Erzählen verpflichtet, die Reflexion also aus dem Erzählprozess ausschließt? Was aber wiederum hieße, dass Lyotard so unrecht nicht hat, wenn er meint, daß die Sehnsucht nach dem "Dahinter" verloren geht ...
[ 19.06.06 - 10:54 ] [ Kommentar von Klaus Zeyringer ] GROSSE ERZÄHLUNG II: ÖKONOMIE Die Metanarrationen, die ein legitimierendes Gesamtkonzept über die Welt legen, dienen einer gesellschaftlichen Selbstbestätigung. Sie heben Sinngebendes hervor und oft verdecken sie Störendes. Die großen Erzählungen wurden verändert, auf andere Terrains verschoben und tragen die Namen Globalisierung, Markt, Kapitalismus oder womöglich auch Integrismus. Sie fungieren als metaphysische Referenz, benennen also keine menschliche Verantwortung. Der Chef der Welthandelsorganisation verkündete 1996, daß die Globalisierung wie ein Naturgesetz fortschreite; sie unterbrechen zu wollen, das wäre, als versuchte man, die Rotation der Erde zu stoppen. Die Süddeutsche Zeitung schrieb am 22. Dezember 1999, die Theorie der freien Marktwirtschaft habe eine Bedeutung erlangt, die einst die christliche Heilslehre besessen habe. Vor unseren Augen, hieß es ebenfalls im Dezember 1999 in der Zeit, betreibe der Kapitalismus sein Modernisierungsprogramm, das alle Bereiche der Gesellschaft monetarisierte und der Logik des Marktes unterwarf; wer diesem Programm nicht folgen konnte oder wollte, fiel aus der Gesellschaft. Ein Neoliberalismus, meint Frédéric Lebaron 2000 in La croyance économique, sei die dominierende Form des ökonomischen Glaubens geworden und begnüge sich nicht nur damit, die Wirtschaftsordnungen zu verändern, sondern organisiere die gesamte Gesellschaft um die Sphäre des Handels. Diese Doktrin gelte nicht als eine mögliche Option, sie verstehe sich vielmehr als allgemein gültig, und zwar im Namen einer wissenschaftlichen Autorität und vor allem einer ökonomischen Neutralität. Wie Lebaron anhand mehrerer Beispiele nachweist, bediene dieser Terminus wie jener der Unabhängigkeit eine soziale Fiktion und diene dazu, einen besonderen kollektiven Glauben auszubilden. Die Bipolarität der heutigen großen Erzählung analysiert Robert Menasse 2005 in seiner Frankfurter Poetikvorlesung und kommt zu dem Schluß: Tatsächlich hat nichts die Vereinheitlichung der Welt so radikal befördert wie die neue radikale Spaltung der Welt in Gut und Böse.
[ 19.06.06 - 10:52 ] [ Kommentar von Klaus Zeyringer ] GROSSE ERZÄHLUNG I: UNGENAUIGKEITEN, KONTEXTE, VORAUSSETZUNGEN Eine präzise Definition der großen Erzählung bleibt Lyotard schuldig. Er spricht heutigen Metanarrationen einfach die Legitimationskraft ab; das frühere und das moderne Wissen hingegen habe immerdar den Rückbezug auf eine alles legitimierende Leitidee ermöglicht: Die Aufklärung habe die Metaerzählung von der Emanzipation der Menschheit hervorgebracht, der Idealismus jene von der Teleologie des Geistes, der Historismus jene von der Hermeneutik des Sinns. Lyotards große Geste verdeckt Pluralitäten, vor allem verschiedene machtpolitische, sozialgeschichtliche und wissenssoziologische Entwicklungen. Wenn er als Condition postmoderne fixiert, daß uns die Unmöglichkeit solch übergreifender Meta-Erzählungen zur Einsicht geworden sei, weil wir den Trug der Ganzheit durchschaut hätten, dann wäre immerhin zu fragen, wer dieses Wir ist, welchen Diskurs da wer zu welchem Zwecke führt. Gerade Lyotards eigener Diskurs stellt ganzheitliche Ansprüche, und dies ist bei der Theoriekarawane nicht selten. Metaphorisch vereinfachte Verlustanzeigen scheinen, wie gesagt, in einem Kontext des Kulturwandels besonders zu florieren. Nachdem Pierre Nora behauptet hatte, es gebe kein lebendiges nationales Gedächtnis, keine entsprechenden Verbindungen von Geschichte, Gedächtnis und Fiktion mehr, folgerte Jan Assmann 1999 in Das kulturelle Gedächtnis die Eindimensionalität der modernen Welt, die mit einem Verblassen der Religion einhergehe. Die allgemein formulierten Passagen in Assmanns fundierten Ausführungen über Geisteswelten des Altertums lassen die konservative Perspektive des Kulturwissenschaftlers erkennen, der die eigene Weltanschauung und die westeuropäische Sozialisation eines Intellektuellen durch eine große Erzählung überhöht und legitimiert. Folglich weist er auch dem Historiker eine Sonderstellung zu. Er habe erst auf den Plan zu treten, wenn das kollektive Gedächtnis der Betroffenen schwinde. Der Forscher setzt sich selbst als Hoher Priester ein.