Über diver gente

diver gente

- Leserprofil

Name: diver gente
Sprache: Deutsch
Stadt: berlin
Land: DEU

Bücher: 2

- Weitere Buchtipps

 

Ein Buchtipp von diver gente drucken

Das Buch der Unruhe

Pessoa, Fernando

Bewertung

Buch bewerten:

******

Bild vergrößern

[ Buchtipp von diver gente ] Mit bissigen Worten und unverhohlener Verachtung kommentiert Bernardo Soares seine kümmerliche Erscheinung und deutet bereits in Grundzügen die Form der Auseinandersetzung mit der eigenen Person an, die sämtliche Aufzeichnungen des Buches der Unruhe durchdringen wird. Praktiziert wird nämlich eine Ästhetik der Verkleinerung: er sei ein Nichts, eine Fliege, eine leere Geste, ein Buchstabe oder, wie es anderer Stelle heißt, ein glitschiger Brunnen ohne Wände, untauglich für alles, was das Leben von ihm verlangt. Doch der stilisierte Selbsthass des Buchhalters ist eine janusköpfige Angelegenheit: so bitter er die Nichtigkeit seiner physischen Präsenz auch beklagt, im Untergrund seiner Bezichtigungen vibriert ein unverkennbarer Stolz. Sein schwächliches, asketisches Äußeres unterscheidet Bernardo Soares ja gerade von den gewöhnlichen, kraftstrotzenden Männern, es zeichnet ihn aus und macht ihn zu etwas Besonderem. Er ist eben gerade kein Alltagsgeschöpf, sondern eine empfindsame Seele. Während die Unternehmer ungebrochene Gestalten sind, die im Medium der Fotografie ihren kongenialen Ausdruck zu finden scheinen, entzieht sich Soares' komplexe Persönlichkeit der eindimensionalen Abbildung. "Ich" ist nicht nur ein anderer, wie es bei Rimbaud noch heißt, sondern viele andere, ein schillerndes, facettenreiches Gebilde ohne klare Konturen.

Die schmeichelnden Satzketten, sorgsam geschmiedet wie die Balkongitter der Lissaboner Baixa, die lyrische Ausdrucksweise und die bildhaften Naturvergleiche, mit denen Soares seinen Gemütszustand illustriert, üben eine eigenartige Anziehungskraft aus. Trotz der selbstironischen Volten und Arabesken scheint die portugiesische Saudade mit ihrer Mischung aus Sehnsucht, Melancholie und verletztem Stolz über den Niedergang der einstigen Kolonialmacht Bernardo Soares alias Pessoa die Feder zu führen, man hat sofort den volkstümlichen Gesang des Fado im Ohr, verfällt dem klagenden Tonfall und lauscht der verhangenen Stimme. Pessoas Hauptwerk Das Buch der Unruhe, das wegen editorischer Schwierigkeiten erst 47 Jahre nach seinem Tod 1982 zum ersten Mal in Portugal erschien und nach Ergänzungen aus dem Nachlass jetzt in einer zweiten Fassung vorliegt, hat den Charakter einer Partitur. In den rund 500 Fragmenten umkreist der Hilfsbuchhalter Soares fortwährend sein eigenes Ich und variiert kunstvoll die ewig gleichen Motive: seine seelische Befindlichkeit in all ihren Abstufungen, den Ekel vor der Menschheit und den andauernden Überdruss, die Bedeutung des Traums, der eine wahrhaftigere Existenzform zu versprechen scheint als das Leben, und den Wunsch, sich in verschiedene Personen aufzusplittern. Es wird nichts gebündelt, nichts erzählt, keine Biographie entworfen, statt dessen stoßen wir auf poetische Verdichtungen von Gefühlen und labyrinthische Ausführungen über die Natur des Schmerzes, Gedankensplitter leuchten Soares' Trauer aus und mit paradoxen Umschreibungen dringt er die Randzonen der Erkenntnis vor. Dann und wann trifft man auf Entwürfe zu einer Ästhetik der Gleichgültigkeit, Ausführungen über die Unsinnigkeit des Reisens und Reflexionen über die Sehnsucht und die Liebe, nur gelegentlich unterbrochen von Straßenszenen oder knappen Schilderungen der Bürotätigkeit. Keine Handlungsstränge, sondern sich wiederholende melodiöse Sequenzen mit leichten Abwandlungen bestimmen den Rhythmus. Wie in einer Symphonie wechseln die Tempibezeichnungen, auf ein Adagio mag ein Andante con moto folgen, auf ein Allegro moderato ein Andante maestoso, aber die Tonart bleibt dieselbe.

Zwanzig Jahre lang schrieb Fernando Pessoa in unregelmäßigen Abständen zwischen 1913 und 1934 an seinen Prosafragmenten. Bis auf wenige Ausnahmen blieben die teils handschriftlichen Zettel, schon damals unter dem Titel Das Buch der Unruhe für die Veröffentlichung gedacht, unpubliziert. Erst nach Pessoas Tod 1935 stieß man in einer Holzkiste - einem der abenteuerlichsten Funde der europäischen Literaturgeschichte überhaupt - unter 27.543 Papieren auf die mitunter nur schwer entzifferbaren Notate. Das alter ego Bernardo Soares ist eine der vielen Dichter-Stimmen Pessoas, in die sich der portugiesische Schriftsteller Zeit seines Lebens aufspaltete und die er "Heteronyme" nannte. Es handelt sich um unabhängig voneinander existierende Masken, die Pessoa nach komplizierten Berechnungen der Horoskope mit Lebensdaten, Herkunft, Haarfarbe, Charaktereigenschaften, poetologischen Überzeugungen und einem Werk versah.

Neben Bernardo Soares gibt es da zum Beispiel den großen Lehrmeister Alberto Caeiro, einen Bukoliker, der auf einem Landgut in Ribatejo lebt, gegen die Philosophie und die Metaphysik wettert, in seinen freien Versen die einfache Anschauung der Natur preist und schon 1915 von einer Lungentuberkulose dahin gerafft wird. Oder den ungehorsamen Schüler Caeiros Ricardo Reis, Arzt von Beruf, Jesuitenzögling, Epikuräer und Monarchist. Nach dem Sturz des portugiesischen Königs emigriert Reis, so malte es Pessoa sich aus, nach Brasilien. Reis schreibt er strenge Oden auf den Leib und macht ihn zu einem Vertreter der klassizistischen Linie. Pessoas viertes Geschöpf ist der ungestümen Álvaro de Campo, in England zum Schiffsingenieur ausgebildet, ansässig in Lissabon, ein monokeltragender Futurist, ein Provokateur mit Dandyattitüden und linealgeradem Scheitel.

Abwechselnd schlüpfte Pessoa in die Häute seiner verschiedenen Dichter-Figuren, schrieb mal aus der einen, mal aus der anderen Existenz heraus, benutzte zwischendurch auch noch seinen eigenen Namen und praktizierte einen lustvollen Ich-Zerfall, der ihm viele Freiheiten gab. Als Álvaro de Campo konnte er sich zum Beispiel von herrschenden ästhetischen Strömungen distanzieren, die er mit Caiero gerade erst begründet hatte und seiner künstlerischen Entwicklung eine neue Radikalität abgewinnen. Wie auf einer Bühne ließ er Caiero, de Campo, Reis und andere, manchmal nur wenige Wochen lang existierende Schriftsteller interagieren und völlig entgegengesetzte Stilrichtungen vorantreiben. Bernardo Soares nun, der den zu Beginn der Prosa-Aufzeichnungen agierenden Vicente Guedes ablöste, war derjenige, der Pessoas eigener Person am nächsten kam. Sein beruflicher Status ist zwar etwas geringer als der Pessoas, denn Pessoa war ein angesehner Handelskorrespondent, der mehrfach eigene, allesamt gescheiterte Unternehmen gründete und eine Zeit lang sogar eine Fachzeitschrift heraus gab, aber genau wie der Schriftsteller verdient Soares seinen Lebensunterhalt mit Büroarbeit. Auch die möblierten Absteigen kennt Pessoa aus eigener Erfahrung, und ebenso wie Pessoa nimmt auch Soares seine Mahlzeiten in den Garküchen der Baixa ein, frequentiert die einschlägigen Intellektuellen-Cafés, widmet sämtliche freie Zeit dem Schreiben und verliert sich in verschachtelten Betrachtungen seiner Seelenlage.

Obwohl Soares die Sehnsucht als Lebenshaltung propagiert, verspricht die Liebe keine Erlösung von der entleerten bürgerlichen Existenzform - im Gegenteil, die unterdrückte Liebe ist edler als der Besitz einer Frau, denn nur in der Vorstellung, so räsoniert Soares ganz im Sinne Kierkegaards in einem anderen Fragment, kann man die wahre Liebe erfahren und die Wirklichkeit gedanklich durchdringen. Verzicht lautet also die Maxime, und das passt zu der herausragenden Rolle, die die Kunst und der Traum in der Vorstellungswelt des Buchhalters einnehmen. Genau wie Italo Svevos Helden aus den habsburgischen Fin-de-Siècle-Romanen Senilità und Ein Leben, die ebenfalls als Angestellte ihr Dasein fristen, ist Bernardo Soares ein Lebensvermeider. Während Svevo die Passivität seiner Protagonisten ins Komische wendet, gibt es bei Pessoa noch den Ausweg der Literatur: sie ist der Hort der Wahrheit, die einzige feste Größe in dem sich auflösenden Koordinatensystem und steht für die Sphäre der reinen Erkenntnis. Der Einfluss der französischen Frühromantik mit Chateaubriand schlägt sich eben nicht nur in der ausführlich zelebrierten sehnsüchtigen Stimmungslage nieder, sondern auch in der Strategie, sich durch Kunst zu erhöhen, während Pessoas wortreich ausgeführte Leidensfähigkeit, das Ringen um Wahrheit und die esoterischen Anwandlungen von den Intimen Aufzeichnungen des Genfer Philosophieprofessors Henri-Frédéric Amiel beeinflusst sind, ein um die Jahrhundertwende viel beachtetes Tagebuch, das Tolstoi herausgegeben hatte. Dass Pessoa der Liebe und der Bindung an einen anderen Menschen eine so brüske Absage erteilt, erklärt sich aber auch aus seinen privaten Erfahrungen. 1920 vertauschte er die beständig wechselnden Logierzimmer mit einer Wohnung, wollte endlich sesshaft werden und plante die Verehelichung mit einer sozial angemessen gestellten Dame. Ophélia Queiroz, höhere Tochter und Sekretärin in einem der Handelsunternehmen, für das sich auch Pessoa verdingt hatte, schien sämtliche Anforderungen zu erfüllen, und Pessoa verfiel der jungen Frau mit Haut und Haaren. Obwohl die 19jährige den schmalen, bebrillten Herrn etwas sonderbar fand, erwiderte sie seine Annäherungsversuche. Die beiden verlobten sich, gingen täglich spazieren, Pessoa schrieb Ophélia glutvolle Briefe, nannte sie "mein Babylein", sendete ihr "Riesenküsse, Riesenschmatze, Kussküsschen", weigerte sich entgegen der damaligen Gepflogenheiten aber, mit ihrer Familie in Kontakt zu treten. Nach wenigen Monaten schwärzten ihn sogenannte "Respektspersonen" bei Ophélias Vater an, und inzwischen war Pessoas Mutter Dona Maria Madalena bei ihm eingezogen, was sein Bedürfnis nach weiblicher Gesellschaft bereits ausreichend zu befriedigen schien. Warum es zum Bruch mit Ophélia kam, ist bis heute nicht ganz nachvollziehbar. Pessoa sprach zwar davon, sich wegen akuter Angstzustände in eine psychiatrische Heilanstalt einweisen zu lassen, da aber seine Großmutter wahnhafte Züge besaß, war die Sorge vor ähnlichen Anlagen ein ständiger Begleiter. Entscheidend schien etwas anderes zu sein: Álvaro de Campo, so behauptete Pessoa, könne Ophelia nicht leiden. So weit ging es dann doch: seine erfundenen Figuren mischten sich in seine Angelegenheiten ein, und er überträgt ihnen die Last der Entscheidung. Kein Wunder, dass der Versuch, im wirklichen Leben heimisch zu werden, misslingen musste. In einem späteren Brief an Ophelia wirkt Pessoa dann auch eher erleichtert als verzweifelt. Die Liebe, heißt es im Buch der Unruhe, gibt es gar nicht, denn wir lieben allein die Vorstellung, die wir von jemandem haben, unsere eigene Idee. Keuschheit wird zum Ideal, die körperliche Liebe beschreibt er als eine unappetitliche Angelegenheit mit viel zu viel Schleim und Feuchtigkeit und unangenehmer Wärme. Neun Jahre später flackerte die Liebesgeschichte noch einmal auf, doch Pessoa lebte schon längst nur für das Schreiben und den täglichen Suff. Die Sehnsucht schien dennoch nicht erschöpft.

Pessoas Werk ist wie eine Bibel, man kann es über Jahre hinweg mit sich herum tragen, jederzeit aufschlagen, immer wieder einen Abschnitt lesen und sich über die Merkwürdigkeiten des Lebens belehren lassen. Fernando Pessoas Buch der Unruhe umspannt die Seele mit sehnsüchtiger Trauer.

[ Info ] Pessoa, Fernando: Das Buch der Unruhe. Ammann, Zürich/2006 . ISBN: 3-250-25000-7.


Dieses Buch ist ...

Genre:
Stichworte: beeindruckend
Stil: ernsthaft, satirisch
Empfohlen für: Lektüre zum Nachdenken, Bettlektüre
Sprachen (Buchtipp): Deutsch


Du kannst auch ...


Weitere Links


Diesen Buchtipp an einen Freund senden




Kommentare





Wenn du das Wort nicht lesen kannst, klicke hier

Über Fernando Pessoa

Entdecke neue Bücher

- Andere Buchtipps

|

- Buchtipps mit den selben Begriffen

|