Über Karin S. Wozonig
- Leserprofil
Name: Karin S. Wozonig
Sprache: Deutsch
Stadt: Wien
Land: AUT
Bücher: 34

[ Buchtipp von Karin S. Wozonig ] Einige wenige Werke von Marie von Ebner-Eschenbach sind vielen Literaturfreunden und -freundinnen bekannt, so z.B. die Erzählungen "Er laßt die Hand küssen" (1886) und "Krambambuli" (1884). Letztere wurde auch durch Verfilmungen (u.a. mit Tobias Moretti) einem breiten Publikum bekannt. Mit der Sammlung der "Meistererzählungen", zusammengestellt 1953, in deren Anhang sich Aphorismen und "Meine Erinnerungen an Grillparzer" finden, kann man sich ein vollständigeres Bild vom literarischen Können dieser Autorin machen.
Die darin enthaltene Erzählung "Der Säger" zeigt z.B. Anklänge an die im neunzehnten Jahrhundert beliebten Geistergeschichten und bedient sich wie "Er laßt die Hand küssen" der Absicherung durch eine Rahmenerzählung. "Die Totenwacht" ist eine mitreißende, grausame Geschichte über männliche Gewalt in einer durch eine strikte Hierarchie geordneten Dorfgemeinschaft, für deren panoramische Entfaltung die Autorin nicht mehr als einige wenige erzählte Stunden einer Frau am Totenbett ihrer Mutter braucht. Und "Die Freiherren von Gemperlein" sind das Augenzwinkern einer genauen und gnädigen Beobachterin menschlicher Dummheit auf höchstem literarischen Niveau und eine vergnügliche Lektüre.
Sie wolle über Menschen schreiben, denen sie begegnet sei und deren Geschichte sie besonders interessiert habe, hat Ebner-Eschenbach einmal festgehalten. Sie tut das nicht unbeteiligt. Manchmal nehmen ihre Erzählinstanzen ausdrücklich Partei für die Benachteiligten, zumeist genügen aber die detailgetreue Schilderung der äußeren Erscheinung und die "authentische" Sprache der Figuren, um das Abbild einer ungerechten Gesellschaft und die schicksalhaften Verstrickungen, die sich daraus ergeben, zu entwerfen.
Gerade ihre weniger bekannten Erzählungen zeigen, dass es Ebner-Eschenbach nicht darum geht, die Welt mit den Mitteln der Poesie zu verbessern. Vielmehr entwickelt sie ihre Figuren aus einer Mischung aus Charakter-Eigenschaften und gesellschaftlichen Regeln und folgt bei der Handlung häufig ihrem Aphorismus "Das Recht des Stärkeren ist das stärkste Unrecht." Der unaufgeregte Ton ihrer Prosa und der Umstand, dass die Darstellung menschlicher Schwächen ohne Hohn und die Thematisierung sozialer Missstände ohne selbstgerechte Empörung erfolgen, hat Marie von Ebner-Eschenbach den Ruf einer humanistisch beflissenen Vertreterin des poetischen Realismus eingebracht. Das hat der Aufnahme ihrer Werke nicht geschadet, dennoch oder gerade deshalb ist eine genaue und unvoreingenommene Lektüre ihrer Prosa zu empfehlen.
[ Info ] Ebner-Eschenbach, Marie von: Meistererzählungen. Mit einem Anhang: Aphorismen und Erinnerungen..
Manesse Verlag,
Zürich 1997
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Genre: Erzählende Prosa
Sprachen (Buchtipp): Deutsch
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