[ Buchtipp von Roland Innerhofer ] Vater - Mutter - Kind: Das ödipale Dreieck, nach Freud Ursprung der Neurose, wird in Modianos autobiografischem Bericht brutal zerschlagen. Die Erinnerungen des 1945 geborenen Erzählers an seine Kindheit und Jugend in Frankreich sind gekennzeichnet von gnadenloser Zurückweisung. Der Vater ist Jude, tauchte während der Okkupation unter, hält sich im Paris der Nachkriegszeit mit undurchsichtigen Geschäften über Wasser, muss sich immer wieder vor der Polizei verstecken. Die Mutter ist eine erfolglose Schauspielerin aus Flamen, ihrem Sohn gegenüber verhält sie sich kalt und hartherzig. Die Erziehung der Eltern, die sich bald voneinander trennen, besteht hauptsächlich darin, sich den Sohn vom Hals zu halten, ihn von Paris zu entfernen, in Internate in der Provinz abzuschieben und einzusperren.
Die Erinnerung an den Schmerz betäubt der Erzähler durch ostentative Gleichgültigkeit; eine der wenigen Ausnahmen ist der Tod des jüngeren Bruders im Alter von elf Jahren: „Abgesehen von meinem Bruder Rudy, seinem Tod, betrifft mich, glaube ich, nichts wirklich von allem, was ich hier erzähle. Ich schreibe diese Seiten so, wie man ein Protokoll oder einen Lebenslauf verfaßt, aus dokumentarischen Gründen und wahrscheinlich auch, um einen Schlußstrich zu ziehen unter ein Leben, das nicht meines war.“ Ein solcher Lebenslauf lässt sich nicht in eine kohärente Erzählung umschmelzen, es bleiben Bruchstücke, die allein durch die chronologische Abfolge zusammengehalten werden. Und wer den einen oder anderen der 24 bisher erschienenen Romane und Erzählungen Modianos gelesen hat, erkennt, dass diese Fragmente in der Fiktion immer wieder neu und anders konfiguriert werden. Sie sind das Material, an dem sich sein literarisches Werk abarbeitet. Der Bericht endet 1967, als der volljährig gewordene Erzähler erfährt, dass sein erstes Buch angenommen wurde. Als wäre plötzlich eine lebensgefährliche Last von ihm abgefallen, stößt er sich vom „morschen Anlegesteg“ seiner Jugend ab und bricht auf zu neuen Ufern. Diesem Schluss, der das Unglück einer katastrophalen Familiengeschichte abzukapseln versucht, widerspricht die Evidenz des Berichts. Die unerbittliche und unwiderrufliche Trauer bildet seinen ästhetischen Kern.
[ Lieblingszitat ] Ich war in See gestochen, bevor der morsche Anlegesteg zusammenbrach. Es war höchste Zeit.
[ Info ] Modiano, Patrick: Ein Stammbaum.
(original language: Deutsch)
Hanser,
München, 2007
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ISBN: 978-3-446-20922-0.