Über Kirstin Breitenfellner
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Name: Kirstin Breitenfellner
Sprache: Deutsch
Stadt: Wien
Land: AUT
Bücher: 26
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[ Buchtipp von Kirstin Breitenfellner ] Die russische Revolution setzte ein riesiges Experiment in angewandter Soziologie in Gang - vielleicht das größte in der Geschichte der Menschheit, schreibt Orlando Figes in der „Tragödie eines Volkes“. Das Experiment misslang, lautet sein Fazit, weil seine Ideale unrealistisch waren und es dem Volk nicht gelang, aus der Unmündigkeit einer jahrhundertealten Sklavenmentalität herauszutreten, die tief in der Tradition des russischen Dorfes verwurzelt war.
Figes holt weit aus und arbeitet die Vorgeschichte der revolutionären Bewegung von der Mitte des 19. Jahrhunderts an auf, von Tschernyschewskis Roman „Was tun?“ von 1862 über das Erscheinen des „Kapitals“ 1872 bis zur Hungersnot von 1891, die die russische Gesellschaft politisierte und radikalisierte. Er versucht, die Revolution nicht als einen „Aufmarsch abstrakter gesellschaftlicher Kräfte und Ideologien vorzuführen, sondern als einen historischen Prozess, der sich aus individuellen Tragödien zusammensetzt“. Das ist Sozialgeschichte im besten Sinne: aus der Sicht der an ihr Beteiligten und von ihr Überrollten. So oft wie möglich kommen Zeitzeugen zu Wort - am häufigsten Maxim Gorki, der hellsichtige Kritiker der bolschewistischen Revolution, beinahe die Hauptfigur des Buchs und als Person so widersprüchlich wie das System selbst.
Besonderes Augenmerk widmet Figes den anarchistischen und surrealistischen Momenten der Revolution. Die Konsolidierung des Sowjetsystems fällt demgegenüber etwas weniger überzeugend aus, ebenso wie die allzu ausführliche Schilderung der Schlachten des Bürgerkriegs. Am eindrucksvollsten ist seine Beschreibung der bäuerlichen Lebenswelt, der „Barbarei des russischen Dorfes“, das aber auch immer schon ein Ort egalitärer Traditionen war, die nicht erst vom Marxismus übernommen werden mussten.
Figes ist ein großartiger Erzähler mit einem untrügerischen Gespür für aussagekräftige Details und Anekdoten. Indem er eine Handvoll Protagonisten aus den verschiedensten Gesellschaftsschichten einführt, vom Bauernsohn Sergej Semjonow bis zum Heerführer Alexej Brussilow, die den Leser durch das Buch begleiten, macht er Geschichte nachvollziehbar. Bedauerlicherweise vorwiegend in Biografien von Männern - und das für das Zeitalter der beginnenden Frauenemanzipation, das so schillernde Figuren wie die Alexandra Kollontai hervorgebracht hat, die als Volkskommissarin für Staatliche Fürsorge für eine sexuelle Revolution und eine Neuordnung der Geschlechterverhältnisse eintrat.
[ Info ] Figes, Orlando: Die Tragödie eines Volkes.
Die Epoche der russischen Revolution 1891 bis 1924.
(Sprache d. Buchs: Deutsch)
Berlin Verlag,
1998
.
ISBN: 3827002435.
Genre: Populärwissenschaftliches Sachbuch
Stichworte: Revolution, Geschichte, Russland
Sprachen (Buchtipp): Deutsch