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Karin S. Wozonig

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Name: Karin S. Wozonig
Sprache: Deutsch
Stadt: Wien
Land: AUT

Bücher: 34

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Die Steinklopfer

von Saar, Ferdinand

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[ Buchtipp von Karin S. Wozonig ] In den Prosatexten Ferdinand von Saars scheitern die Helden und Heldinnen. Meist gehen sie unspektakulär an der Wirklichkeit zugrunde. Mehr oder weniger psychologisch überzeugend führt uns Saar vor Augen, wie Menschen vom Alltag aufgefressen und von ihren Mitmenschen durch bloße Befolgung der sozialen Spielregeln im übertragenen Sinn zu Tode gebracht werden. Über weite Strecken ist das auch bei der Novelle „Die Steinklopfer“ so. Was diesen Text aber von den meisten anderen Erzähltexten dieses Autors unterscheidet, ist der Umstand, dass Saar das Ende so gestaltet, als sei ihm ein visionärer Blick in die Zukunft und auf die Anforderungen Hollywoods gestattet worden.

In „Die Steinklopfer“ geht es um das Schicksal zweier Menschen, Georg und Tertschka, die beim Bau der Semmeringbahn, die im Jahr 1854 fertig gestellt wurde, arbeiten, sich in einander verlieben und ihrem Schicksal, das nichts als harte Arbeit, Mangel und Demütigung bietet, zu entgehen versuchen. Das Leben wird ihnen schwer gemacht durch ihren Aufseher, durch die Umstände, durch das Leben. So hat es Saar, ein Anhänger der Philosophie Schopenhauers, auch an anderer Stelle thematisiert. Aber hier gibt es ein versöhnliches Ende, gerade erfreulich genug, um die Niedergeschlagenheit aufzulösen, die sich einer mitfühlenden Leserin, eines mitfühlenden Lesers ob der Unausweichlichkeit menschlichen Leidens bemächtigen könnte.

Es ist kein plattes Happy End, sondern eine ausreichend komplexe Lösung nach einer Phase des bangen Wartens, so dass der Ausgang der Geschichte glaubwürdig wirkt. Die Figurenzeichnung ist nicht sehr differenziert, ein schwachbrüstiger Leonardo di Caprio und eine großäugige Wynona Ryder wären gute Verkörperungen der beiden ProtagonistInnen. Aber in Georg sehen wir einen jener Helden des poetischen Realismus und der künstlerisch verbrämten Sozialkritik des neunzehnten Jahrhunderts, die sich in ihrer grauen, zerlumpten Kleidung, mit ihrem leeren Magen und ihrem guten Herzen pittoresk ins Bild der untergehenden Habsburgermonarchie fügen, das dem wohlgenährten Bildungsbürger dieser und unserer Zeit den wohligen Schauer über den Rücken jagt. Sehr empfehlenswert ist die Lektüre dieses Textes auf einer Bahnfahrt von Wien nach Graz.

[ Lieblingszitat ] "Wer in früherer Zeit - heutzutage ist der Eindruck nicht mehr so gewaltig - die Bahn über den Semmering, die sich längs gähnender Abgründe und schroffer Felswände emporwindet, zum ersten Mal befahren hat, der wird, wenn der Zug über schwindelerregende Viadukte donnerte oder plötzlich mit schrillem Pfeifen in die Nacht endlos scheinender Tunnels hineinbrauste, jene mit erhabenem Grauen gemischte Bewunderung empfunden haben, die uns stets überkommt, wenn wir etwas, das wir bisher für unmöglich gehalten haben, verwirklicht vor uns sehen. Und wenn dann die gekoppelte Wagenreihe, allmählich ebenen Boden erreichend, wieder gefahrlos zwischen lachenden Triften forteilte, dann wird er sich voll Stolz, der Sohne eines Jahrhunderts zu sein, das solche Wunderwerke hervorbringt, in seinen Sitz zurückgelehnt und sich mit halbgeschlossenen Augen hinübergeträumt haben in die Errungenschaften der Zukunft, welche in der Eröffnung des Suezkanals und dem Durchstich des Mont Cenis noch immer nicht ihre kühnste Betätigung gefunden. An eines aber, das kann man zuversichtlich annehmen, werden die wenigsten gedacht haben: an die Tausende und Abertausende von Menschen, welche im Schweiße ihres Angesichts, allen Fährlichkeiten preisgegeben, Felsen gesprengt, Steinblöcke gewälzt, Abgründe überbrückt und so recht eigentlich jene Verkehrsstraße geschaffen, auf welcher man, fast so rasch wie der Gedanke, aus der unruhvollen, staubdurchwirbelten Hauptstadt am Ufer der Donau an den Strand der blauen Adria versetzt werden kann."

[ Info ] von Saar, Ferdinand : Die Steinklopfer . Reclam , Stuttgart, 1962 (1874).


Dieses Buch ist ...

Genre: Roman
Sprachen (Buchtipp): Deutsch


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Kommentare Chronologie wechseln

Karin Harrasser

[ 02.05.08 - 12:03 ] [ Kommentar von Karin Harrasser ] Vielleicht sollten wir readme.cc ja als Stoff-Portal für Hollywood ausbauen? Ich konnte mir den entsprechenden Film jedenfalls sofort vorstellen (und auch den Vorspann als Bahnfahrt mit dem ICI, die dann langsam ins Schwarzweiß übergeht.






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