Über Arno Raffeiner
- Leserprofil
Name: Arno Raffeiner
Sprache: Deutsch
Stadt: Berlin
Land: DEU
Bücher: 6
[ Buchtipp von Arno Raffeiner ] Von Liebesbesessenheit war in Dietmar Daths Briefroman "Die salzweißen Augen" (2005) reichlich die Rede. Als literarisches Gestaltungsprinzip hat diese Besessenheit in "Dirac" für's erste zwar ausgedient, doch das Personeninventar aus dem vorangegangenen Buch bleibt uns erhalten. Das postmoderne und autobiografisch inspirierte Ränkespiel um eine Gruppe von Mittdreißigern rund um den Journalisten und Schriftsteller David Dalek wuchert munter weiter. Es geht um ein sich Verzetteln, ein Steckenbleiben im Sumpf des ganz gewöhnlich-schmierigen Lebens unter den mehr oder weniger prekarisierten Bedingungen des Kapitalismus, die Dietmar Dath über den Physiker Paul Dirac als titelgebende Mittlerfigur mit den großen Rätseln um Raum und Zeit und also um unser Dasein überhaupt in Beziehung setzt.
Diese eigentümliche Mischung des Allumfassenden und die Sprunghaftigkeit, mit der der Autor seinen Roman vorantreibt, mag Geschmackssache sein. Der Text wechselt in kaum nachvollziehbarem Rhythmus zwischen den Figuren und Zeitebenen. Das Lesen soll sich bloß nicht eingrooven oder gar bequem werden. Und doch hat Dath genau mit diesem manischen Schreibansatz - in "Die salzweißen Augen" beinahe noch eindringlicher als in "Dirac" - den idealen Tonfall gefunden, in dem die faktische Fiktion, an der beispielsweise von einer anderen Seite her auch Thomas Meinecke mit seinen Nicht-Romanen aus Theorie und Hypertext arbeitet, funktionieren kann. Es ist eine Erzählweise, die auf Distanz hält und dadurch auch das Antriggern von Momenten, Ahnungen, Genres ermöglicht: Plötzlich findet man sich in Unheimliches geworfen, Fantasy wird mit physikalischen Fakten kurzgeschlossen, Todesdrohungen, Schulalltag, Wahnsinn, Antimaterie und Außerirdische morphen ineinander. Ganz kleine Fingerzeige genügen dem Autor, um immer wieder eine Atmosphäre der Bedrohung zu evozieren, die unsere positivistische Sicherheit dieser Welt absolut in Frage stellt.
"Die Sonne scheint; die Menschen draußen haben keine Ahnung, wie unverständlich der Kosmos ist." Dietmar Dath schreibt für jene, die in sich den Drang verspüren, nur eine klitzekleine Ahnung von dieser Unverständlichkeit zu bekommen.
[ Lieblingszitat ] "Laß die Prominenz aufmarschieren, setz deinen Dirac und dich selber dazu ins Verhältnis. So richtig voll Rohr postmoderne Scheiße, Roman eines Romans."
"In der Physik versuchen wir, etwas, was vorher niemand gewußt hat, mit Zeichen zu sagen, die jeder versteht. In der Dichtung ist es genau umgekehrt."
[ Info ] Dath, Dietmar: Dirac.
(Sprache d. Buchs: Deutsch)
Suhrkamp,
Frankfurt / M., 2006
.
ISBN: 3-518-41863-7.
Genre: Roman
Stichworte: Alltag, Wahnsinn, Antimaterie, Physik
Stil: phantastisch, postmodern
Empfohlen für: Lektüre zum Nachdenken
Sprachen (Buchtipp): Deutsch
[ 03.09.09 - 23:48 ] [ Kommentar von mischa gerloff ] Mir hat "Dirac" auch sehr gefallen, und nach "Waffenwinter" habe ich damit begonnen, die früheren Werke, die meist beim Verbrecher-Verlag erschienen sind, zu lesen. Dazu die Empfehlung: PHONON. Sehr bös-intelligente Abrechnung mit der damaligen Kulturszene (Kölns), dazu natürlich viel mehr kluge Gedanken, ein ordentlicher Schuß Splatter. Und immer wieder die Erwähnung des verworfenen, aber nicht aufgegebenen Roman-Projekts über Dirac. Ich freue mich jetzt schon auf "Für immer in Honig", den ich zwischendurch angelesen habe (klasse!).