[ Buchtipp von Roland Innerhofer ] Die Handarbeit gegenüber der Kopfarbeit abzuwerten hat eine lange Tradition - und genau dagegen wendet sich Sennetts soziologisch-philosophische Abhandlung. Denn Handwerk bedeutet ihm immer beides: ein Wissen der Hände und eine materielle Grundlage auch der geistigen Tätigkeiten, vom Schreiben über das Lehren bis hin zum Philosophieren.
Wohl demonstriert der Verfasser anhand von Gebrauchsanweisungen und Kochrezepten, dass der Übergang vom Handeln zum (Be)Schreiben und umgekehrt keineswegs bruchlos ist. Und doch ist die Einheit von Kopf und Hand für Sennett keine Utopie, sondern immer noch tägliche Praxis. Mit William C. Williams hält er es für besser, Ideen aus den Dingen, welche die Hand während des Tags berührt, zu entwickeln. Im handwerklichen Umgang mit den Dingen ist es die auf Erfahrung gestützte Routine, welche die Grundlage schafft für behutsame Revisionen, für die Fähigkeit, die Welt langsam umzugestalten. Wie notwendig im Handwerk Phantasie und Erfindergabe sind, zeigt sich besonders in der vielseitigen Einsetzbarkeit von Instrumenten. Aus dem Umgang mit den zu bearbeitenden Materialien gehen neue Werkzeuge hervor, die Lösung technischer Probleme erfordert zuweilen aber auch die Herstellung neuer Materialien.
Was die Lektüre von Sennetts Buch besonders spannend macht, sind die überraschenden Verbindungen: Unter dem Thema Improvisation werden etwa Jazzmusik und der Umgang mit Stadträumen kurzgeschlossen; das Ethos des Handwerkers, das Streben nach Qualität um ihrer selbst willen, den Stolz auf die eigene Arbeit gepaart mit einem kritischen Blick auf ihre Ergebnisse teilen antike Weber und Töpfer mit den heutigen Linux-Programmierern. Ungewöhnlich ist Sennetts Abhandlung auch in ihrem Fortschrittsoptimismus. Ihre durchaus ethische Botschaft lautet: Wir können und werden, in Sprüngen und Schüben, besser werden, durch die Entfaltung unserer Ressourcen und Fertigkeiten, in der Arbeit wie im Spiel wie in der Liebe.
[ Lieblingszitat ] Handwerkliches Denken und Können beschränkt sich nicht auf den Handwerker im engeren Sinne, sondern steht ganz allgemein für den Wunsch, etwas ganz Konkretes um seiner selbst willen gut zu machen.
[ Info ] Sennett, Richard: Handwerk.
(original language: Deutsch)
Berlin Verlag,
Berlin, 2008
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ISBN: 978-9-8270-0033-0.