Über Bernhard Malkmus

Bernhard Malkmus

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Name: Bernhard Malkmus
Sprache: Deutsch
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Land: USA

Bücher: 5

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Lazarillo de Tormes/Klein Lazarus von Tormes

Anonymus,

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[ Buchtipp von Bernhard Malkmus ] Vertrauensschwindel - Wie eine Verteidigungsschrift zum Meilenstein der modernen Literatur wurde

1554 erschien in Alcalá de Henares, Burgos und Antwerpen unabhängig voneinander ein schmales Bändchen mit dem Titel „La vida de Lazarillo de Tormes: y de sus fortunas y adversidades“. Teile dieser bissigen Satire unterlagen schnell der Zensur, brachten es auf den katholischen Index, Übersetzungen in andere europäische Sprachen folgten rasch und Ende des 16. Jahrhunderts findet sich die ursprüngliche Fassung unverhofft im Anhang einer Art Knigge, eines beliebten Benimmbreviers der jungen spanischen Aufsteigerschicht. In modernen Literaturgeschichten gilt dieser kurze Roman über die „Geschicke und Widrigkeiten“ des kleinen Lazarus zudem als der Beginn der neuzeitlichen spanischen Literatur. Wie geht das alles zusammen, worin liegt die Faszination einer kurzen Geschichte über einen typischen Underdog, der sich durch Witz und Chuzpe durch verschiedene Gesellschaftsschichten manövriert, schließlich eine bescheidene Stelle als Stadtbüttel in Toledo, dem neuen wirtschaftlichen Zentrum Spaniens, erhält und sich dann die Kritik und den Sozialneid seiner Umgebung einhandelt?

Die Antwort ist einfach: Die Geschichte ist packend erzählt, sie erlaubt die Identifikation mit der Hauptfigur, sie ist rücksichtslos bissig, dabei witzig und voller wildwuchernder Übertreibungen - sie ist Gesellschaftssatire, Schwank und realistischer Roman in einem. Doch hier ist schon Einhalt geboten, denn von einem „Roman“ kann nicht die Rede sein, vielmehr einer episodenreichen Erzählung, die fest in mündlichen Traditionen verwurzelt ist. Und dann macht die Leser noch etwas stutzen. Schnell stellt sich heraus, dass das Ganze eine Verteidigung gegen eine unbekannte Anklage ist, eine Selbstrechtfertigung, fiktiv wohlgemerkt, mitnichten aber ein Roman.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Lazarillo, der Stadtbüttel von Toledo, ein relativ junger Bursche, der erst kürzlich in den Hafen der Ehe eingelaufen ist, sieht sich mit Vorwürfen konfrontiert, dass seine Frau, die vormalige Dienerin eines höhergestellten Klerikers, weiterhin ein Verhältnis mit diesem unterhalte, ja dass dies alles ein abgekartetes Spiel sei - der Priester habe seine Konkubine „untergebracht“ und Lazarillo genieße durch die Zuwendungen und Protektion desselben eine nie gekannte Sicherheit. Der „Roman“ nun ist eine, sagen wir, von Schwänken durchsetzte satirische Verteidigungsschrift, deren Adressat („Vuestra Merced“, etwa „Euer Ehren“) unbekannt bleibt. Diesen Schreibanlass jedoch erfährt der Leser erst am Schluss, zuvor führt ihn der wendige und listige Lazarillo durch die Geschichte seiner Fährnisse, die ihn von Herr zu Herr führen.

Er ist ein Diener vieler Herren, der von allen seine Lektionen lernt und sich so immer besser zurechtzufinden lernt in einer Welt, die von unerbittlichen existentiellen Nöten geprägt ist. Schnell begreift der Leser, dass er nicht mit einem Till Eulenspiegel oder einer mittelalterlichen Narrenfigur durch Kastilien reist, sondern mit einem rhetorisch klug agierenden Taktierer, der zweierlei auf einmal beweisen will: einmal dass er das Opfer einer grausamen Gesellschaft ist, zum anderen dass er sein eigenes Leben im Griff hat. Nur so, meint er, könne er sich gegenüber den Anschuldigungen verteidigen. Diese doppelte Erzählerstimme, die des naiven kleinen Lazarillo, der sich gegen eine übermächtige brutale soziale Realität behaupten muss, und die des rückblickenden „Bürgers“, ist charakteristisch und stilprägend für eine neue literarische Figur, den pícaro, der als „Schelm“ in die deutsche Literatur eingehen sollte, als Simplicissimus und Courasche im Barock, als Felix Krull und Oskar Matzerath im zwanzigsten Jahrhundert.

Die Erzählung, die nun in einer sorgfältig übersetzten, kommentierten und mit aufschlussreichen zeitgenössischen Quellen versehenen zweisprachigen Ausgabe bei Reclam herausgekommen ist, besteht aus sieben Kapiteln (tratados), die uns in alle möglichen sozialen Nischen Spaniens während der Zeit der großen Entdeckungen führt. Von diesen allerdings keine Spur in dem Bändchen. Vielmehr ist die Rede von Einzelschicksalen, die indirekt Zeugnis ablegen von den enormen Umwälzungen in Spanien selbst - von der aufstrebenden Kaufmannsschicht und vom verarmten niedrigen Adel (hidalgos), dem Cervantes im Don Quijote ein literarisches Denkmal setzen sollte; vom korrupten Klerus und einer dem Hunger und Elend ausgelieferten Unterschicht. Von den Eldorados in Übersee kein Heller im Lazarillo, der sich doch sonst so sehr ums Geld dreht, um all die maravedís und blancas (die kleinsten Münzen), deren Zirkulation die lokale Rumpfwirtschaft noch am Leben erhält und für die getötet wird. Das Gold aus Übersee ist derweil andernorts gewinnbringend angelegt, in den Speichern von Sevilla und den Häfen von Holland.

Die ersten drei Kapitel erzählen von Lazarillos Weg vom Rand der Gesellschaft in die Gesellschaft, von seinem Geburtsort, der Mühle im Fluss Tormes, in den Dienst bei einem völlig mittellosen hidalgo. Die verbleibenden kürzeren Kapitel schildern seinen Umzug nach Toledo und seinen bescheidenen Aufstieg zum Wasserhändler, Weinverkäufer und schließlich Stadtbüttel. Auf den meisten Stationen seines Wegs durch die Gesellschaft hat er es mit einem „Herren“ zu tun, von dem er lernt, in einer widrigen und feindseligen Gesellschaft zu überleben, der ihn ausnutzen möchte und den er schließlich zum Opfer seiner eigenen Betrügereien macht. Um zu überleben und sich in der Welt voranzubringen, muss Lazarillo, der kleine Lazarus, so werden wie seine Herren - ein scheinheiliger Schwindler. Er muss zu Tricks, Hochstapelei, Betrügerei und Lüge greifen, ohne jemals zu einem richtigen Kriminellen zu werden.

Am Ende des Buchs finden wir ihn in einer Position, die ihm die Illusion von Unabhängigkeit vermittelt, letztendlich aber eine Neuauflage der Abhängigkeitsverhältnisse bedeutet, die sein ganzes bisheriges Leben begleiteten und gestalteten. Seine Selbstverteidigung bäumt sich auf gegen diese Einsicht und wird so zu einer beißenden Satire und einer spielerisch-zornig-illusorischen Selbstbehauptung zugleich. Und nebenbei lernt man ungemein viel darüber, wie Gesellschaft funktioniert - damals wie heute. Ein Buch der Renaissance. Ein Buch für heute.

[ Lieblingszitat ] "Donde una puerta se cierra, otra se abre." (Wo eine Tür zu geht, geht eine andere auf - spanische Redensart, die als Leitmotiv für "Lazarillo" dient.)

[ Info ] Anonymus, : Lazarillo de Tormes/Klein Lazarus von Tormes. (Sprache d. Buchs: Spanisch/Deutsch) Reclam, Spanien, 2006 (1554). ISBN: 978-3-15-018481-3.


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Genre: Erzählende Prosa
Sprachen (Buchtipp): Deutsch


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