Über Angelika Wellmann
- Leserprofil
Name: Angelika Wellmann
Sprache: Deutsch
Stadt: Hamburg
Land: DEU
Bücher: 10
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[ Buchtipp von Angelika Wellmann ] Mit Lydia Davis ist eine Meisterin der kurzen Strecke zu entdecken. Der Erzählband „Fast keine Erinnerung“ ist geschliffen wie feinster Diamant. Dabei kommen ihre short stories erst einmal schlicht daher. Sie sind einfach im Aufbau und klar in der Sprache. Dennoch merkt man schnell, dass hier etwas reibt. Lydia Davis durchkreuzt die Erwartungen des Lesers; ihre Texte, bisweilen Prosaminiaturen von nur wenigen Zeilen, folgen ihrer eigenen Logik. In der Erzählung „Fleischliche Liebe“ etwa unterhalten sich zwei Ehepaare über ihr Lieblingsessen in der Kindheit. Was als Allerweltskonversation beginnt, verwandelt sich rasch zu einem immer absurderen Austausch nur denkbarer Gegenpositionen. Während sich die Frau an gar nichts, keine einzige Lieblingsspeise, erinnert, schwelgt der Mann in Erinnerungen an Fleischgerichte der klassischen American-Diner-Küche: Hamburger, Rostbeef, etc. Worauf die Gattin dann das Hohe Lied auf die vegetarische Küche anstimmt. Und so geht es hin und her, wobei der Schlagabtausch zusehends verblüffendere, geradezu komische Wendungen nimmt. So wird hier im Nebenbei ein kleines Ehe-Brevier entfaltet.
Es ist die Logik der Sprache, die diese Geschichten vorantreibt, nicht die der Handlung. Lydia Davis schreibt gar keine Geschichten im eigentlichen Sinne. Die Handlungslinien bleiben unscharf; ihre Erzählungen haben keinen richtigen Anfang, kein Ende. Nur in den wenigsten Texten erfährt man einen Ort, und nicht selten sind die Personen reduziert auf generische Namen wie Ehefrau Nummer Eins und Zwei oder auf die Angabe ihrer Funktion, etwa der Professor oder der Arbeitgeber. Die Autorin selbst hat ihre Texte als „logische Thesengeschichten“ bezeichnet. Der Vergleich mit mathematischen Formeln liegt nahe. Es gibt Erzählungen, die alle Erfahrungswerte auf den Kopf stellen und ihrer eigenen Logik einer Wenn-Dann-Kausalität folgen. Andere machen die Probe auf die Exempel der Mengenlehre, wieder andere greifen tief in die Trickkiste mathematischer Paradoxa. Blutleer sind diese Texte trotzdem nicht.
Denn im Subtext werden die großen Themen der Menschheit verhandelt: das Verhältnis der Geschlechter zueinander, die Identität der Person, und vor allem die Frage von Imagination und Wirklichkeit. Dabei behält die 1947 in Massachusetts geborene Autorin, die neben weiteren Erzählbänden auch einen Roman veröffentlicht hat, stets großen Respekt vor dem Unergründlichen; punktgenaues Denken erschient hier als intellektuelle Haltung gegenüber der Weite des Unerklärlichen. Dem Literaturverlag Droschl sei Dank, dass er diese große Autorin und preisgekrönte Proust-Übersetzerin erstmals übersetzt hat.
[ Lieblingszitat ] „Er sagte, sie sei anderer Meinung als er. Sie sagte, nein, das stimme nicht, er sei anderer Meinung als sie. Es geht dabei ums Fliegengitter...“
[ Info ] Davis, Lydia: Fast keine Erinnerung.
(Sprache d. Buchs: deutsch) Übersetzer Klaus Hoffer.
Literaturverlag Droschl; Graz-Wien,
New York, 2008
(Farrar, Straus and Giraux 1997).
ISBN: 9783854207351.
Genre: Erzählende Prosa
Stichworte: ungewöhnlich, beeindruckend, meisterhaft
Sprachen (Buchtipp): Deutsch