Über Richard Reich
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Name: Richard Reich
Sprache: Deutsch
Stadt: Zürich
Land: CHE
Bücher:
Gästebuch:
Verwandtschaften: 3
Name: Richard Reich
Sprache: Deutsch
Stadt: Zürich
Land: CHE
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Verwandtschaften: 3
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[ Buchtipp von Richard Reich ] Der erratische Block in Stifters in der öffentlichen Wahrnehmung von Novellen wie «Bergkristall» dominierten Werk ist «Witiko». Dieser 900 Seiten lange «Dichtungsversuch» (Stifter) ist noch sperriger, noch radikaler als der «Nachsommer». Dieses Buch ist eine gezielte Zumutung. In schier unerträglichem Ausmass lässt uns Stifter erleben, erlesen, welche unerhörte Kraftanstrengung ein Mensch braucht, um charakterlich einigermassen einwandfrei durchs Leben zu kommen. Witiko ist ein junger Land- oder eher Waldedelmann, Herr über ein winziges Gut im Böhmerwald. Durch Zufall wird er in einen Thronfolgestreit des 12. Jahrhunderts verwickelt, in dessen Verlauf er auf eigentümliche Art Karriere macht: Witiko stört die Logik des brutalen Machtkampfes allein dadurch, dass er auf seinem Standpunkt beharrt. Diese Sturheit aber ist jeweils das Resultat einer immensen, stets neu zu bewältigenden Kleinarbeit: Bevor sich Witiko für oder gegen eine politische Parteinahme, einen Krieg, eine Tat entscheidet, sucht er jeden einzelnen Menschen auf, der seiner Ansicht nach etwas zur bevorstehenden Entscheidung zu sagen hat, sei es kraft seiner Erfahrung oder persönlichen Betroffenheit. Wochenlang reitet Witiko von Hof zu Hof, von Burg zu Burg, bis er sich seine Meinung gemacht hat - die er dann egal vor wem, egal mit welchem Risiko quer durch Böhmen und durch alle Böden hindurch vertritt. Dieses Ritual wiederholt Witiko, so oft sich die Problemstellung verändert. Das ist sehr oft der Fall, ergo repetiert Stifter seine Schilderung der aufwendigen Meinungsfindung, und zwar Mal für Mal mit der gleichen Ausführlichkeit. Dieses Buch besteht über weite Strecken aus buchstäblichen Wiederholungen, was man als Zumutung betrachten kann - oder aus heutiger Sicht auch als radikale Medienkritik: Witiko glaubt nur, was er mit eigenen Augen sieht, mit eigenen Ohren hört, und selbst das nur, wenn es neueren Datums ist. Für jedes neue Problem wird von neuem recherchiert, verifiziert, indem Witiko von neuem zu allen Quellen seines Wissens reitet. Wenn nun Stifter diesen repetitiven Vorgang konsequent durch Repetition beschreibt, erzeugt er eine Art Refrains, die sich im Kopf des Lesers zu hypnotisierender Musik verbinden. Er bereitet so das Terrain für Sprachkomponisten der Zukunft, für nicht minder umstrittene Landsleute wie Thomas Bernhard, eine Verwandtschaft, die nicht möglich wäre, hätte nicht auch die Komik ihren Platz im Opus dieses aus blumigem Hinterhalt operierenden Idyllen-Gärtners. Wer's nicht glaubt, führe sich die ersten Dialoge zwischen Witiko und seiner künftigen Gattin Bertha zu Gemüte oder auch Stifters Satire auf Hobby-Landschaftsmaler, wie er selbst einer war. Sie heisst «Die Nachkommenschaften».
[ Info ] Stifter, Adalbert: Witiko. Erzählung. (original language: Deutsch) Artemis & Winkler, Düsseldorf, 2007 (1868). ISBN: 3538054487.
Genre: Roman
Stichworte: Durch Langeweile kaschierte Radikalität
Sprachen (Buchtipp): Deutsch
[ 27.05.08 - 12:14 ] [ Kommentar von Karin S. Wozonig ] Wie schön, dass diese Literatur in Zeitlupe hier einen wohlwollenden Leser gefunden hat.