Über Richard Reich
- Leserprofil
Name: Richard Reich
Sprache: Deutsch
Stadt: Zürich
Land: CHE
Bücher:
Gästebuch:
Verwandtschaften: 3
Name: Richard Reich
Sprache: Deutsch
Stadt: Zürich
Land: CHE
Bücher:
Gästebuch:
Verwandtschaften: 3
![]()
[ Buchtipp von Richard Reich ] Ich habe Alois Brandstetter vor zirka tausend Jahren zum ersten Mal live erlebt, es war ein helllichter Samstagnachmittag, Brandstetter hielt eine Lesung in einer Buchhandlung in Wels bei Pichl ab. Vergleichbar mit jenem Stifters, mitunter auch mit dem von Thomas Bernhard, nahm mich sein von vorsätzlicher Umständlichkeit kaschierter Witz sofort gefangen. Kam dazu Brandstetters herzenswarme Liebenswürdigkeit, sein auch in fortgeschrittenem Alter noch unverändertes Staunen angesichts der Tatsache, dass er, der Sohn des Aichmüllers aus Pichl bei Wels, in aller Öffentlichkeit als Schriftsteller auftreten durfte (zu schweigen von seinem aus der Perspektive des Müllerbuben noch viel staunenswerteren Brotberuf eines Universitätsprofessors der Germanistik und Philologie!).Dies dahingestellt, sei aber hier vor allem von der Freude die Rede, die Brandstetters Bücher machen können, falls man geartet ist, diese Art Bücher zu mögen. Über die Jahrzehnte hat der Autor mit der Regelmässigkeit eines treuen Landarbeiters abwechselnd ein erzählerisches Werk und dann wieder eine sprachphilologische Arbeit publiziert. Da mich Sprache, die sich mit Sprache befasst, immer latent langweilt (das hat nichts mit Brandstetter, nur mit dem Genre zu tun), konzentrierte ich mich auf die Erzählungen und Romane. Hiervon liesse sich vieles vorstellen und anpreisen, und wenn ich mich nun für «Die Burg» entschieden habe, so auch deshalb, weil dieses Buch mir später zu einer zweiten Begegnung mit Brandstetter verholfen hat.«Die Burg» schildert das Drama eines armen Universitätsmenschen, der seine Habilitation (oder war es die Dissertation?) schreiben sollte, aber nicht kann, weil sein Schreibtisch anderweitig besetzt ist: nämlich mit der Playmobil-Burg des Söhnchens – welche der Herr Doktor/Professor in spe höchstselbst an Ort und Stelle hat aufbauen helfen, wenn nicht gar mehrheitlich eigenhändig aufgebaut hat. Schliesslich ist er Mediävist und daher in Sachen Burgen mit allen Wassergräben gewaschen – was er mit seiner Dissertation/Habilitation auch aller Welt zu beweisen gedenkt.Natürlich besteht die Pointe darin, dass sich der Mann derart in den konkreten Plastikburgbau verbeisst, dass er nicht mehr zum Schreiben kommt – oder umgekehrt: Er hat einen Schreibstau und verbeisst sich deshalb in den Burgbau. Während er aber Plastikteil um Plastikteil zusammenfügt, bleibt ihm immerhin noch Zeit und Atem genug, um sich über den degenerierten Universitätsbetrieb auszulassen, manchmal mit dem Zweihänder, dann wieder mit feinerer Klinge – aber immer witzig und angriffig genug, dass auch Fast-Nicht-Akademiker, wie ich einer bin, ihre Freude daran haben.Jahre, nachdem ich «Die Burg» gelesen hatte, hörte ich, dass irgendwelche Fremdenverkehrs-Promotoren in Seefeld/Tirol eine riesige Spielzeugburg aufbauen wollten, ein alpines Ritter-Disneyland. Ich war damals gerade Redakteur bei einem Magazin und kraft dieses Amtes wild entschlossen, Alois Brandstetter für einen Beitrag über diese Ausgeburt kranker Tourismusdirektorenhirne zu gewinnen. Und so trafen wir uns beide kurz darauf an Ort und Stelle. Allerdings kam dann alles anders: Statt des von mir fest eingeplanten «Verrisses» lieferte Brandstetter eine minuziös seriöse Auseinandersetzung mit dieser Riesenplaymobil-Burganlage! Nie werde ich vergessen, mit welcher Begeisterung mich der Altphilologe auf manch gelungenes Detail in diesem monumentalen Styropor-Wahnsinn hinwies, irgendeine authentisch nachgebildete Schiessscharte oder eine schön gearbeitete Zugbrücke… Tja, wenn ich «Die Burg» wirklich im ersten Anlauf verstanden hätte, hätte sich dieser Ausgang unseres Ausflugs ja voraussehen lassen.
[ Info ] Brandstetter, Alois: Die Burg. Roman. (original language: Deutsch) Residenz, Salzburg, 1986 (1986). ISBN: 3701704309.
Genre: Roman
Stichworte: Durch Langeweile kaschierte Radikalität
Sprachen (Buchtipp): Deutsch