Über Angelika Wellmann
- Leserprofil
Name: Angelika Wellmann
Sprache: Deutsch
Stadt: Hamburg
Land: DEU
Bücher: 10
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Hustvedt, Siri (Übers. Uli Aumüller und Gertraude Krueger)
Bild vergrößern[ Buchtipp von Angelika Wellmann ] Das Buch ist groß gewollt: „Die Leiden eines Amerikaners“. Ein solcher Titel zielt auf das Allgemeine, das Typische, und so steht die Lebensgeschichte des New Yorker Psychiaters Erik Davidsen - geschieden, weiß, Ende Fünfzig - für die seelische Disposition eines amerikanischen Jedermann. Ein großer Anspruch. Vielleicht zu groß? Denn viele der versammelten Themen bleiben Staffage, ohne literarische Funktion.
Da taucht das große zeitgenössische Trauma Amerikas, 9/11, relativ unmotiviert in einem Nebenerzählstrang auf; werden verschiedene amerikanischen Kriegseinsätze am Rande zum Thema, Irak, Vietnam, Zweiter Weltkrieg (letztgenannter durch den Blick der Kriegstagebücher ihres 2003 verstorbenen Vaters Lloyd Hustvedt, den die Autorin zitiert); da werden Geschichten von weißer und schwarzer Identität erzählt, werden die Auswirkungen der großen Rezession ins Romangeschehen eingeflochten, vor allem aber werden ganze Kompendien sekundären Wissens aufgeboten quer durch die Bereiche der Medizin, der Psychoanalyse und Neurologie, aber auch der Philosophie wie der Kunsttheorie.
Eine solche Demonstration von Bildung ermüdet. Und das ist schade und überflüssig zugleich. Denn Siri Hustvedt müsste nicht beweisen, dass sie eine kluge und belesene Frau ist - und eine interessante Autorin dazu. Hustvedts große Stärke liegt in den subtil ausgetüftelten Konstruktionen ihrer Romane. Eine Qualität, die sich erst bei der zweiten Lektüre ganz erschließt. Wie kaum ein anderer Autor vermag sie, Spuren zu legen und wieder zu verwischen. So ist schon der erste Satz große Ouvertüre: „Meine Schwester nannte es 'das Jahr der Geheimnisse', aber wenn ich zurückblicke, erkenne ich: Das Wichtige war nicht, was da war, sondern was nicht da war.“ Hier zeigt sich die Kunst des Schreibens. Denn zum einen weist dieser Anfang weit über sich hinaus, indem in ihm bereits der gesamten Spannungsbogen von Imagination und Realität aufblitzt. Zum anderen erzeugt er jene geheimnisvolle, geradezu magische Aura, die Hustvedts Figuren immer umgibt. Alle ihre Figuren befinden sich auf der Suche. Aber sie wissen nicht nach was.
Da stoßen der Ich-Erzähler Erik und seine Schwester Inga im väterlichen Nachlass auf einen Brief, der den Vater an ein Schweigegelübte erinnert. Wird hier ein Verbrechen gedeckt? Dieses Geheimnis steht im Mittelpunkt des Buches. Doch nicht die Lösung, ist das Spannende, sondern die vielen anderen Geschichten, die beim Suchen zutage treten. Man kann Hustvedts Poetik mit der Figur der vielköpfigen Hydra umschreiben: Jedes Rätsel, das gelöst ist, gibt weitere Rätsel auf. So wird Eriks Schwester Inga, die ihrerseits Autorin ist, von einer seltsamen Journalistin erpresst. Es geht um eine Affäre von Ingas vor kurzem verstorbenem Mann, dem berühmten Schriftsteller Max Blaustein; es geht um Briefe und einen unehelichen Sohn. Doch am Ende, als die Fakten auf dem Tisch liegen, weiß Inga über die Beziehung weniger als zuvor. Oder die Geschichten rund um die unnahbare Miranda, Eriks heimlich verehrte Untermieterin, die Grafikern ist und nachts bestialische Frauen zeichnet, und die wiederum dem unberechenbaren Lane verfallen ist, dem Vater ihrer fünfjährigen Tochter. Auch der eine rätselhafte Gestalt: Er bezeichnet sich als Künstler, lauert aber vor allem den Beteiligten immer wieder mit seiner Kamera auf, schreckt dafür nicht einmal vor einem Einbruch zurück, um die Bilder später mehr oder weniger entstellt, im öffentlichen Raum zu verteilen.
In allen diesen Geschichten bleibt immer ein Rest des Unerklärlichen. Zwar glauben die handelnden Figuren, und mit ihnen der Leser, sie stünden kurz vor einer Lösung, doch dann verlaufen sich die Spuren unversehens ins Dunkle, und man erkennt, dass es keine letzten Erklärungen gibt. Wahrscheinlich gar nicht geben kann. Das macht sicher die Faszination dieser Romane aus. Denn man ahnt, dass hieraus vielleicht so etwas wie der Respekt spricht, den die Autorin den Dingen des Lebens zollt. Denn eines ist offensichtlich: Zahlreiche Vorlagen für ihre Romane findet Hustvedt, die selbst mit einem bekannten Schriftsteller, mit Paul Auster, verheiratet ist, im eigenen Leben.
[ Lieblingszitat ] „'Verzeihung', sagte ich, obwohl ich meiner Meinung nach nichts getan hatte, das eine Entschuldigung verlangt.“
[ Info ] Hustvedt, Siri: Die Leiden eines Amerikaners.
(Sprache d. Buchs: deutsch) Übers. Uli Aumüller und Gertraude Krueger.
Rowohlt Verlag,
Reinbek / New York, 2008
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ISBN: 9783498029852.
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