Über Karin S. Wozonig
- Leserprofil
Name: Karin S. Wozonig
Sprache: Deutsch
Stadt: Wien
Land: AUT
Bücher: 34
![]()
[ Buchtipp von Karin S. Wozonig ] Malwida von Meysenbug (1816-1903) bezeichnete sich in ihren Memoiren selbst als Idealistin, Christine Brückner nennt sie in ihrem Buch "Wenn du geredet hättest, Desdemona" eine Utopistin. "Eine Reise nach Ostende" beschreibt eine Eisenbahnfahrt von Köln an die Nordsee, mit Zwischenstationen in Brüssel und Antwerpen im Jahr 1849. Schon im Jahr davor, so lässt die Erzählerin uns wissen, sei sie auf dieser Strecke unterwegs gewesen. Nun vergleicht sie die Aufbruchsstimmung des Jahres 1848, als revolutionäre Kräfte in ganz Europa eine Demokratisierung herbeizuführen versuchten, mit der gedrückten Stimmung nach dem Scheitern dieser politischen und sozialen Bewegungen.
Die Fortbewegungsart wird bei Meysenbug zum Abbild der Gesellschaft: In der schlechtesten, der vierten, Klasse der Eisenbahnzüge stehen die Menschen auf offenen Plattformen, dem Regen und dem Qualm der Dampflokomotive ausgesetzt, während in der ersten Klasse in Plüschpolstern geplaudert wird. In der vierten Klasse fahren Menschen, die sich mit Müh und Not von ihrer Hände Arbeit ernähren können, während in der erste Klasse die Privilegierten sitzen, die sich keine Gedanken über ihr Einkommen machen müssen.
Ihre Reisebekanntschaften und Begegnungen im Seebad bieten der Erzählerin Anlass, über gesellschaftliche Missstände und Ignoranz zu reflektieren und ihre Überlegungen zur sozialen Frage, zu Religion, Politik und Emanzipation in Gesprächen mit Menschen unterschiedlicher Herkunft und Bildung auszutauschen. Sie begegnet der verarmten Frau eines Revolutionärs, einem katholischen Geistlichen, einer italienischen Sängerin, deren Sohn in Venedig gegen die Herrschaft der Habsburger kämpft, und einer Reihe anderer Personen, in denen die brennenden sozialen und politischen Fragen der Zeit verkörpert sind.
Die Position von Meysenbug, der ihr adeliger Name, ihre sorgsame Erziehung und ihre künstlerische Neigung "die Wege ebnete", wie das Christine Brückner ausdrückt, ist mehr als der oft verspottete, oberflächliche "Salonsozialismus". Die kurze Schilderung der Reise (das Buch hat 165 Seiten) zeigt auf, wie sich Absolutismus und Entmündigung auf das Leben der Menschen auswirken. Und sie verspricht, dass eine bessere Welt möglich ist, wenn alle bereit sind, daran mitzuwirken. Damals, im Jahr 1849, lag dieses Versprechen buchstäblich am Horizont: in Amerika.
[ Lieblingszitat ] "Greift es denn die Augen nicht an, in Fröbels System der sozialen Politik zu lesen?" fragte er lächelnd. "Woher wissen Sie denn, dass wir darin gelesen?" fragte ich ein wenig ernst und kühl, denn ich wusste noch gar nicht, ob ich diese Bekanntschaft des gänzlich Fremden mit unsern Beschäftigungen autorisieren sollte. [...] "Sie belieben also die Demokratie? Nun freilich, man hätte es schon nach der Lektüre schliessen können. Ich versichere Sie aber, die Frauen müssen ewig aristokratisch bleiben. Aristokratie, Schönheit, Geschmack und Sitte sind eins, und die sind das Gebiet der Frauen." Zum zweitenmal also, in ganz kurzer Zeit wurden wir so angeredet. Es berührte mich, für mich, weiter gar nicht, nur insofern schmerzlich, dass noch so viele Männer so reden und denken, dass man uns noch immer das Verständnis des ganzen Lebensgebietes absprechen, und bannen will in den einen abgeschlossenen Kreis, gleich Treibhauspflanzen, die man hüten muss vor rauher Luft und scharfer, Sonne, damit man sich an ihrer auserwählten Schönheit freue. [...] "Ich weiss es recht gut," sagte ich, "dass wir nur in den Uranfängen eines werdenden Zustandes uns befinden; aber ich möchte eine so bedeutende geschichtliche Epoche nimmermehr ohne das Bewusstsein davon erlebt haben, und dann kann ich auch nur das sagen: Selbst wenn ich wollte, ich wüsste es nicht zu machen; ich müsste mitten darin stehen."
[ Info ] von Meysenbug, Malwida : Eine Reise nach Ostende (1849).
(Sprache d. Buchs: Deutsch)
Schuster&Loeffler,
Berlin und Leipzig, 1904
.
Genre: Biographie, Erinnerungen
Stichworte: Freiheit, Engagement, Emanzipation, 19. Jahrhundert
Sprachen (Buchtipp): Deutsch