Über Tim Schomacker
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Name: Tim Schomacker
Sprache: Deutsch
Stadt: Bremen
Land: DEU
Bücher: 22
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Calvino, Italo (Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber)
Bild vergrößern[ Buchtipp von Tim Schomacker ] Selten war ein Protagonist so unaussprechlich: Qfwfq heißt der Erzähler von Calvinos Cosmicomics. Gelegentlich miesepetrig, mal alt, mal jung, und in diversen Aggregatzuständen erzählt er nichts weniger als die Geschichte der Welt. Und die Geschichte der Bilder, die sie, die Welt, sich von sich gemacht hat. Im Grunde ist Qfwfq ein müde gewordener Weltgeist, einer, der alles gesehen hat, und der seinen Urururururenkelinnen und -enkeln gestattet, sich auf die Lehne des Urururururgroßvaterstuhls zu setzen, den Sessel ein Stück näher an diesen heranzurücken. Und zu lauschen, wie alles wurde, was es ist.
Spekulativ-poetische Prosa könnte man diese Kurzgeschichten nennen, die Italo Calvino Anfang der 1960er Jahre zu schreiben begann. Am Ende waren es knapp dreißig. Und sie beherbergen - wie Borges "totale Bibliothek" oder eine weitere jener "unsichtbaren Städte", deren Psychotopographien Calvino später selbst aufzeichnete - kurzerhand alles. Sagen wir: eine Version von allem. Jeweils angehängt an ein kleines Stückchen biologischer, astrophysischer, geologischer oder evolutionstheoretischer Schulbruchprosa, funktioniert jeder Text als spekulatives Supplement. Calvino kleidet seine erzählerischen Mutmaßungen in Qfwfqs vollmundiges "so war's!" und lässt ihn berichten von jener Stadt New York, die dem New York, das wir kennen, beinahe aufs Haar glich und in der (als jener Mond, der dem Mond, den wir kennen, zum Verwechseln ähnlich sah und der "nackt durch den Raum trudelnd, welkte und vertrocknete wie ein abgenagter Knochen", sich auflöste und auf die Erde fiel - selbstredend in New York -) die glanzlosen, die weggeworfenen und beerdigten Dinge den Aufstand proben. "Von nichst werden die Autos so eingeschüchtert, wie von ihren eigenen Friedhöfen." Berichten lässt vom verzweifelten Versuch, den Planeten durch akkurates Putzen und Wienern in Ordnung zu halten, bis sich der kosmische Staub nicht mehr unter den Teppich kehren lässt und der Planet sich auszudehnen beginnt. Berichten lässt, wie der mürrische "Großonkel Fisch, von meiner Großmutter väterlicherseits her, um genau zu sein, aus dem Zweig der Coelacanthiden des Devon" sich über des palindromischen Protagonisten allzu amphibische Freundin mokiert.
Denn wo auch immer es Qfwfq erzählerisch hinverschlägt, in kosmische Nebelbänke, gekrümmte Räume oder zwischen die Wurzeln von Protokoniferen, stets ist es eine Liebesgeschichte, von der zu berichten ist. Das weibliche Pendant zieht sich als Generallinie durch alle Cosmicomics. Aber sind es denn Comics, diese hinreißenden Geschichten, die von der Welt handeln und den Bildern von ihr? Sie sind - auch das. Und zwar nur als Text. Qfwfq schildert den Tathergang so: "Aber um so Comic-Bildchen zu zeichnen, mit dem Vogel auf dem Ast und mir, wie ich hinausschaue, und all den andern, die ihre Nasen in die Luft recken, müsste ich mich besser erinnern, wie so vieles aussah, was ich längst vergessen habe - erstens das, was ich heute Vogel nenne, zweitens das, was ich heute 'ich' nenne, drittens der Ast, viertens die Stelle, wo ich hinaussah, und fünftens die andern." Was Italo Calvino gleichwohl übernimmt, ist die Dramatik, die manch Superhelden-Epos zur Ehre gereichen würde, ferner die vielen Graphic Novels und Serienzeichnungen inne wohnende Logik des Alles-auf-Anfang. Denn stets setzt die neue Erzählung auch neu ein, durchwandert die Wiederkehr des ewig Ähnlichen und doch immer anderen, setzt sich schließlich als Bausteinchen des Weltgedächtnisses an die reservierte Stelle. Und erzählt beinahe beiläufig von einer Sehnsucht - nämlich nach einer Zeit, da Denken und Erzählen noch nicht nach Mythenproduktion, Wissenschaft und Kunst unterschieden wurden.
[ Lieblingszitat ] "Auch wir beide mussten allmählich Gestalt annehmen (bisher besaßen wir weder Form noch Zukunft)."
[ Info ] Calvino, Italo: Das Gedächtnis der Welten.
Cosmicomics.
Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber.
dtv,
München, 1991
(1965).
ISBN: 9783423114752.
Genre: Erzählende Prosa
Stichworte: spekulativ, experimentell, entspannt
Stil: ungewöhnlich, phantastisch
Sprachen (Buchtipp): Deutsch