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Karin Harrasser

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Name: Karin Harrasser
Sprache: Deutsch
Stadt: Wien
Land: AUT

Bücher: 7

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Illness as Metaphor

Sontag, Susan

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[ Buchtipp von Karin Harrasser ] Illness as Metaphor wurde erstmals im Januar 1978 im New York Review of Books abgedruckt. Susan Sontags Essay, geschrieben als Echo auf ihre eigene Krebserkrankung und als intellektuelle Kriegserklärung an den zeitgenössischen medizinischen und politischen Diskurs, erschien damit exakt zu der Zeit, als Michel Foucault seine erste Vorlesung zur Gouvernementalität am Collège de France hielt, in denen er seine Konzepte zur Biopolitik entwickelte. Im Rückblick ist der Echoraum zwischen Foucaults Überlegungen und denen Sontags frappierend.

Sontag untersucht in ihrem Text Krankheitsmetaphern in mehrere Richtungen: Sie zeigt einerseits, wie sehr die politische Theorie seit Platon auf Metaphern der Gemeinschaft als gesundem Körper zurückgegriffen hat, um zur Verteidigung des „politischen Körpers“ gegen vermeintliche Schädlinge Krankheitsbilder zu evozieren (bis hin zur nationalsozialistischen Rassen- und Biopolitik). In einem Vergleich von Tuberkulose und Krebs als „Master-Illnesses“ des 19. und 20. Jahrhunderts gelingt es Sontag weiters zu zeigen, dass Krankheitsmetapher nicht gleich Krankheitsmetapher ist: Die Tuberkulose sei die Krankheit einer Gesellschaft gewesen, deren größte Sorge das Brachliegen von Kräften der Produktion sei – die Tuberkulose zehrt von innen auf, beraubt die Patientinnen ihrer Lebenskraft – während der Krebs mit seinen wuchernden, unkontrollierbaren Zellbildungen die Sorge um Überproduktion und mangelndes Gleichgewicht versinnbildliche. Die beiden Krankheiten bilden somit den Schattenwurf zweier Versionen des homo oeconomicus: desjenigen, der sich weigert zu akkumulieren und zu investieren, und der des Spätkapitalisten, dessen Hauptprobleme irreguläres Wachstum und Kontrollverlust seien.

Eine Beobachtung Sontags trifft sich erstaunlich exakt mit Michel Foucaults zeitgleichen Überlegungen zu Regierungsformen der Gouvernementalität: Im Zuge der politischen Liberalisierung – so Foucault – würden politische Regulatorien invisiblisiert und immer stärker in die Verantwortung einzelner Individuen verlegt. In Bezug auf den Umgang mit Krankheit argumentiert Sontag, dass mit der Erfindung eines „inner self“ die Verantwortung für die eigene Krankheit immer stärker auf den Patienten, die Patientin übergeht. Die Psychosomatik Georg Groddecks und die Körperpsychotherapie Wilhelm Reichs liest sie deshalb nicht als holistische, den Patienten ermächtigende Behandlungsmethoden, sondern als tolerant-repressive Strategien moralischer Gewalt. Aufgrund seines Materialreichtums (Sontags Beispiele reichen von Galen über Machiavelli bis hin zu Hitler und Gramsci, von Kafka über Hugo zu Choderlos de Laclos) aber auch aufgrund solcher Analysen, die die inzwischen gängige Kritik an neoliberaler Selbstmanagementstrategien vorwegnehmen, ist Sontags Essay immer noch überaus anregend. Und auch ihre Vorhersage am Ende des Essays hat sich wohl bewahrheitet: „The cancer metaphor will be made obsolete, I would predict, long before the problems it hast reflected so vividly will be resolved.“ Die in der Krebsmetapher adressierten Probleme (Überproduktion bei gleichzeitiger Armut, ökologische Katastrophen, paranoide, militaristische und rassistische Politik) sind uns erhalten geblieben, nur die Metaphern haben gewechselt.

[ Lieblingszitat ] "In an era in which there seemed to be no inhibitions on being productive, people were anxious about not having enough energy. In our own era of destructive overproduction by the economy and of increasing bureaucratic restraints on the individual, there is both a fear of having too much energy an an anxiety about energy not being allowed to be expressed."

[ Info ] Sontag, Susan: Illness as Metaphor. (Sprache d. Buchs: Englisch) Picador (Farrar, Straus and Giroux), New York, 1990 (1978).


Dieses Buch ist ...

Genre: Roman
Stichworte: Metapher, Leben, Krebs
Stil: analytisch
Empfohlen für: Zweiflerinnen
Sprachen (Buchtipp): Deutsch


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Kommentare Chronologie wechseln

Karin Harrasser

[ 11.11.08 - 17:19 ] [ Kommentar von Karin Harrasser ] Es wäre schön, könnten wir die Sinne befreien, indem wir metaphorische Larven als solche entlarvten. Ich befürchte allerdings, die menschlichen Sinne funktionieren nur als kulturell imprägnierte und ihre Befreiung aus der Geschichte würden sie uns genauso übel nehmen, wie das Wieder-und-Wieder-Erzählen der zurichtenden Geschichten, über die Sontag so luzide schreibt. Mein Wunsch sind eher mehr Geschichten als weniger davon: Möglichst widersprüchliche, die das Denken und Fühlen in Schwung bringen.


Ferdinand Schmatz

[ 01.11.08 - 17:45 ] [ Kommentar von Ferdinand Schmatz ] Der Essay ein Roman, die Wissenschaft, hier die so genannte Medizin als Fiktion aus Sprache, deren Zuschreibungen jedoch als Wirklichkeiten fungieren, mit auslöschender Kraft, metaphorische Larven, die zu entlarven in der wortwörtlichen Durchleuchtung (Anwendung) möglich wird, womit dann klar vor Augen auf der Seite liegt (steht), was sie anrichten, an und in dem von ihnen gebeutelten und zuschande geschriebenem Körper, dass dieser sich schütteln kann, auf dass sie abfallen, ohne sie noch einmal, und das wäre wohl das letzte Mal, interpretieren zu müssen, die Sinne werden wieder frei, auf diesen Sinn dann, ja?!






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