[ Buchtipp von Roland Innerhofer ] Konrad Bayer schrieb an diesem Roman von 1962 bis zu seinem Freitod Ende 1964. Er blieb Fragment. Wovon handelt er? Hier wird keine Geschichte erzählt. Es treten Figuren auf, und diese Figuren bestehen aus Sprache, und dass sie aus Sprache bestehen, das führt der Text vor: „ein mädchen wie ein bügeleisen wie ein kiesel wie ein butterbrot wie schinken mit ei wie ein weisser rand wie ein rotes kleid wie eine zelle wie ein schiff wie schliff wie schilf wie elle wie gazelle wie grabstelle wie abstellen wie bemerken wie rotlauf wie sie rot anläuft wie niedlich!“
Auf Bildassoziation und Gleichklang der Wörter beruht hier die Logik des Textes, nicht auf sprachlichen Konventionen, die glauben machen, man könne die „Wirklichkeit“ mit Sprache abbilden. Was von der Welt wahrgenommen wird, ist nicht nur durch die fünf Sinne, sondern auch und hauptsächlich durch den sechsten, die Sprache, vorgeprägt und gefiltert. Nicht umsonst wurde der Autor bei seiner zweiten Lesung vor der Gruppe 47 von Kollegen, die sich einer vermeintlich realistischen Beschreibungskunst befleißigten, heftig abgekanzelt. Vom einem schwammigen „humanistischen“ Standpunkt aus wurde die moralische Keule geschwungen: Inhuman und kalt sei Bayers Text. Vergessen wurde, dass Deutsche (und Österreicher) mit Kant und Goethe im Tornister zwei Weltkriege geführt und sich von den Mühen des Massenmords bei Beethoven erholt haben. Nicht gegen diese Künstler und Denker richten sich die Sprachexperimente der Wiener Gruppe, der Bayer angehörte, sondern gegen ihre Umwandlung in Kulturgüter, mit denen man sich den geistigen Haushalt komfortabel einrichtet.
Den abgegriffenen Sinnangeboten, die eine unbeschädigte Sprache bereithält, setzt Bayer sprachanalytische und erkenntniskritische Schärfe entgegen: „‚du musst distanz zu den erscheinungen, zu deinen sinneswahrnehmungen halten’, goldenbergs stimme bahnte sich ihren weg durch den pullover, wild mit der machete ihrer schwingungen ins gewebe hackend, den goldenberg gerade über den kopf zog, und huschte in dobyhals gehörsystem. ‚soll ich MICH auch verlassen?’ dobyhals frage war bescheiden getönt. so wurde auch goldenberg nicht geblendet, als er, der weisse wal, aus diesem meer von wolle auftauchte.“ Die Metaphern werden wörtlich genommen, die Stimme wird zum Körper, der sich gewaltsam seinen Weg bahnt. Je mehr sich die Sprache in ihrer optischen und akustischen Materialität verselbständigt, desto mehr löst sich das sprechende Ich auf. Solange es Bedeutungen gibt, solange die Sprache nicht nur ein Sinn ist, sondern Sinn macht, gibt es Hoffnung: „man muss sich umbringen um die hoffnung zu begraben. Es gibt keine hoffnung. jedoch ist ein lebender mensch ein hoffender. contradictio in se.“ Nur wenn die Sprache durch die Verselbständigung ihrer akustischen Artikulation vom Sinn zu erleichtert wird, wenn in der Kommunikation an die Stelle des Verstehens von Bedeutungen der lautliche Einklang tritt, kann sich augenblicklich Glück einstellen: „‚la la la’, sang goldenberg. ‚bla bla bla’, antwortete braunschweiger. hierauf waren beide, braunschweiger und goldenberg, minutenlang glücklich.“
[ Lieblingszitat ] „‚la la la’, sang goldenberg. ‚bla bla bla’, antwortete braunschweiger. hierauf waren beide, braunschweiger und goldenberg, minutenlang glücklich.“
[ Info ] Bayer, Konrad: der sechste sinn.
roman. (original language: Deutsch) Hg. v. Gerhard Rühm.
Deuticke,
Wien, 1993
(1966).
ISBN: 3-216-30050-1.
[ 14.11.08 - 18:08 ] [ Kommentar von Ferdinand Schmatz ] Zeigen, Zeigen, Zeigen, das Rad der Sprache ist aber trotzdem nicht leerlaufend, und Kommunikation dreht sich mit ihm in eine andere, zeigbare Richtung. Sinn ist nicht nur ein Behelf, den Mangel an formaler Kapazität auszugleichen, sonder entsteht aus dem Un-Sinn, bl bla bla, das ein Umsinnen ist.