[ Buchtipp von Erich Fried Preis ]
Subversiv ist Heinz Grünebaum nicht. Doch er kennt ein Druckverfahren, mit dem sich geheime Botschaft veröffentlichen lassen. Er hat eines Tages entdeckt, dass sich aus den Zeilenabständen und Wortzwischenräumen im Drucksatz insgeheim weisse Buchstabenbilder erzeugen lassen. Die Leerräume zwischen den Worten „drängten sich mit einem Male hervor aus der Schrift, bildeten Diagonalen, gezackte und sogar gekurvte Linien, formiertens ich zu weissen Zeichen zwischen den schwarzen.“
Doch Politik liegt ihm fern, er will sich bloss an der ihn fürsorglich belagernden Mutter rächen. „MUTTERSAU“ heisst denn auch der erste Gruss in einer popligen Turnvereinsbroschüre. Als geübter Handsetzer perfektioniert er seine Kunst, um schliesslich den ganzen „Zauberberg“ von Thomas Mann auf seine Weise zu drucken und seinen Hass zu ventilieren. Im „Zauberberg“ ist nachzulesen, was auch ihm die „herrische, ungezügelte, widerwärtige Mutter“ angetan hat. Dadurch wird er sogar zum Leser. Aus der usbekischen Hauptstadt Taschkent schickt er ein letztes Lebenszeichen. Auf der Suche nach einem Setzerkollegen, der angeblich „MIR“ (Frieden) in eine sowjetische Enzyklopädie „weiss gesetzt“ haben soll, ist er hier glücklich gestrandet.
Heinz Grünebaum ist einer der letzten vier Angestellten in Udo Posbichs Druckerei, einem privaten Kleinbetrieb in der DDR. Die Erzählerin, gewiss keine Lichtgestalt in diesem Gewerbe, doch immerhin mit dem Talent zu schreiben begabt, wie sich am Ende erweisen wird, erhält Grünebaums Geschichte mitsamt 444 Zauberberg-Druckseiten zugesandt. Sie sind durch die Hände ihres einstigen Arbeitgebers gegangen, der sich vor zwanzig Jahren in die BRD abgesetzt hat. Sein Betrieb diente ihm lediglich dazu, das Geld für den Absprung aufzutreiben. Seiner etwas verschlafenen Belegschaft blieb das Nachsehen, und jedem von ihnen bloss eine skurrile Geschichte, die Katja Lange-Müller hier aufgezeichnet hat.
Fünf Jahre ist es her seit ihrem wunderbar beklemmenden Buch „Verfrühte Tierliebe“. Wie schondieses zeichnen Präzision und Sachlichkeit auch die neue Prosa aus. Die Autorin legt es nicht auf Knalleffekte an, im Gegenteil wirkt das Buch zu Beginn wie beiläufig, völlig unspektakulär erzählt - bis wir die erste Episode erfahren.
Der Unterschied zu „Verfrühte Tierliebe“ liegt eher im Atmosphärischen. Die existentielle Beklemmung, die es darin im Kampf gegen den obrigkeitlichen Stumpfsinn mit Phantasie zu überwinden galt, ist hier der gewitzten Flunkerei gewichen. Die Verhältnisse gleichen sich, doch ihre Figuren hat Katja Lange-Müller etwas von sich weggerückt, so dass „Die Letzten“ wie eine sympathische, etwas leichtgewichtigere Don Quijoterie anmutet.
[ Info ] Lange-Müller, Katja: Die Letzten.
Aufzeichnungen aus Udo Posbichs Druckerei.
(Sprache d. Buchs: Deutsch)
Kiepenheuer & Witsch,
Köln, 2000
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