Über Ulrich Baron
- Leserprofil
Name: Ulrich Baron
Sprache: Deutsch
Stadt: Hamburg
Land: DEU
Bücher: 16
[ Buchtipp von Ulrich Baron ] Als Emily Dickinson am 15. Mai 1886 in Amherst, Massachusetts, starb, hatte sie den größten Teil ihres Lebens als unverheiratete Tochter im Umfeld ihrer puritanischen Familie verbracht. Ein freudloses Leben könnte man meinen, das da am 10. Dezember 1830 begonnen hatte. Doch gab es auch ein anderes, das rund 1800 Gedichte hervorgebracht hat, die zum Besten zählen, was die Dichtkunst Amerikas hervorgebracht hat. Man sollte solche „stillen“ Leben nicht unterschätzen – nicht den Schmerz, den die Trennung von Schulkameradinnen mit sich brachte, nicht die Verluste durch Krankheit, Bürgerkrieg und Alter: „Durchs Hirn schritt mir ein Leichenzug“, heißt es in einem frühen Gedicht.
Über 600 Gedichte bietet diese zweisprachige, von Gunhild Kübler mit feinem Gespür für die formalen und inhaltlichen Tiefenstrukturen übersetzte Ausgabe. „They shut me up in Prose“, schrieb die Dichterin – „Sie schließen mich in Prosa - / Wie ehedem als Kind / Als sie mich, dass ich ,still’ war - / Wegsperrten in den Spind“. Manche Verse haben das Erdenschwere von Syntax und Grammatik weit hinter sich gelassen. Da beginnt es noch wie in einem barocken Sinngedicht: „Unsern Teil von Nacht zu tragen - / Unsern Teil von Morgen - / Unser Blatt mit Glück zu füllen, / Unser Blatt mit Argem“. Dann folgt eine zweite Strophe, hauchzart und abgründig wie ein uralter Abzählreim: „Here a star, and there a star / Some lose their way! / Here a mist – and there a mist – / Afterwards – Day!“. Hier wird eher gezeigt als gesagt, und am Ende ist plötzlich, ohne dass es eines Verbs, eines „Werdens“ bedurft hätte, Tag.
Sind hier Sterne vom Weg abgekommen? Oder Menschen? Ein einziges Wort, ein neuer, noch unbeschriebener Tag löscht Sterne, Dunst und Nachtgedanken aus. Diese seltene, in sich zurückgezogene, verschlossene Frau, muss eine ungeheure Kraft zum Ausbrechen gehabt haben. Und ist doch geblieben, wo sie zur Welt kam. Drei Jahre vor ihrem Tod schrieb sie: „Wer nicht den Himmel fand - hier unten – / Der geht auch oben fehl / Denn Engel mieten nebenan / Wohin wir auch verziehn“.
[ Lieblingszitat ] „I dwell in Possibility
A fairer House than Prose -
More numerous of Windows -
Superior for Doors...“ (S. 160)
(Ich wohne in der Möglichkeit / und nicht im Prosahaus...)
[ Info ] Dickinson, Emily: Gedichte.
(Sprache d. Buchs: Englisch/Deutsch) Aus dem Englischen von Gunhild Kübler.
Hanser,
2006
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ISBN: 978-3-446-20782-0.
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