Über Antje Flemming
- Leserprofil
Name: Antje Flemming
Sprache: Deutsch
Stadt: Hamburg
Land: DEU
Bücher: 41
[ Buchtipp von Antje Flemming ] Sie ist ein Wesen mit vielen Köpfen und Gliedmaßen. Sie verschlingt, bewacht und nimmt einem die Luft zum Atmen. Nicht von der Hydra ist die Rede, sondern von der Familie, die auch Veronica Hegarty in Anne Enrights glänzendem Roman „Das Familientreffen“ (DVA) an der Gurgel hängt: „Denn genau in diesem Augenblick stelle ich fest, dass Teil einer Familie zu sein die qualvollste Art ist, am Leben zu sein.“
Bei den Hegartys, einer irischen Großfamilie mit stechenden Blauaugen und einem soliden Hang zum Alkohol, wohnen Eros und Thanatos Tür an Tür. Erben kann man hier nur den Schmerz. Nun ist Liam, der schöne Junge, der immer zu nahe am Abgrund tanzte, ins Wasser gegangen, ohne Socken und Unterwäsche, aber mit Steinen in den Taschen. Veronica war ihm von allen die Liebste, und sie versucht, ihn würdevoll unter die Erde zu bringen und gleichzeitig zu begreifen, was den Bruder ins Meer getrieben hat. In einem atemlosen inneren Monolog rollt sich die Geschichte der Hegartys im erzkatholischen Irland auf: Ada, die Großmutter, die einen Jungen liebt, aber einen anderen zum Manne nimmt, die Mutter, die über ein Dutzend Geburten und halb so vielen Aborten dumpf geworden ist. „Schatz“ nennt sie ihre Sprösslinge, deren Namen („Midge, Bea, Ernest, Stevie, Ita, Mossie, Liam, Veronica, Kitty, Alice und die Zwillinge Ivor und Jem“) sie längst vergessen hat. Veronica selbst kommt zunehmend ins Schlingern – Mann und Töchter werden zu Fremden: „Es ist wie Weihnachten im Hades. Es ist, als wären wir allesamt tot, und das ist völlig in Ordnung so.“
Für ihren vierten Roman wurde die 1962 in Dublin geborene Autorin Anne Enright im vergangenen Jahr mit dem Booker Price, dem „Königsmacher unter den internationalen Literaturpreisen“, geehrt. „Das Familientreffen“ ist „ein aufrichtiger Versuch, der Liebe und dem Tod lange genug ins Antlitz zu blicken, die damit verbundenen Schmerzen, Ängste und absonderlichen Freuden in ihre Einzelteile zu zerlegen“, kommentiert A.L. Kennedy. Anne Enright hat ein Juwel von einem Roman geschrieben, ein Buch, das zornig ist und anrührend, unversöhnlich und zärtlich und das zu den großen Leseerlebnissen dieses Herbstes zählt.
[ Lieblingszitat ] „Die Vergangenheit ist kein fröhlicher Ort.“
[ Info ] Enright, Anne: Das Familientreffen.
(Sprache d. Buchs: Englisch) Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser.
DVA,
München, 2008
(2007).
ISBN: 978-3-421-04370-2.
Genre: Roman
Stichworte: Familienroman
Sprachen (Buchtipp): Deutsch, Englisch, Französisch, Ungarisch, Italienisch, Hebräisch, Arabisch, Tschechisch, Dänisch, Slowenisch