Über Tim Schomacker
- Leserprofil
Name: Tim Schomacker
Sprache: Deutsch
Stadt: Bremen
Land: DEU
Bücher: 22
[ Buchtipp von Tim Schomacker ] Von allen Büchern, die mich bisher eingeschüchtert haben, ist dieses das dünnste. Knapp 60 Textseiten hat Thomas Kling (1957 - 2005) dafür gebraucht. Man selber bräuchte - und darin liegt der passabel gelungene Einschüchterungsversuch begründet - ein halbes Leben, dem nachzugehen, was hier gelegentlich ausgeführt, meist nur angedeutet, gar nur so eben gestreift wird. Ob die "Sprachkörperbetrachtung" in John Donnes "unebener Metrik" besser funktioniert? Wie der sprachliche Weg des Zeichens als Zinken (Rotwelch-Graffiti) sprachlich vonstatten ging? Und wie ökonomisch? Weht darum auch das, was sprachlich übern Gartenzaun kommt, hinein in Klings Gedichte? Was haben altwalisische Dichtersänger mit Leseperformances im Düsseldorfer Hafen Mitte der 1980er zu tun? "Sprache unterwegs, die den treffenden, schlagenden Begriff im Mund führt."
In den Itinerar-Texten widmet sich Kling vor allem der gesprochenen Sprache. "Slangs sind das traditionelle Reservoir der Dichtung." Er fragt, wie sie in ein Textgebilde hineinkommt. Wie man das dann präsentiert. Ohne auch nur einen Halbsatz lang banal zu werden. Im Gegenteil: Bei der Lektüre seiner Überlegungen zu Dada und Fachsprache, zu barocken Permutationen und Wiener Gruppen hat man dauernd das Gefühl, etwas nacharbeiten zu müssen. Eine Hartnäckig- und Übermütigkeit, für die man Thomas Kling dankbar sein muss. Wie jene antiken Reisebeschreibungen, von denen Kling seinen Titel geborgt hat, die Möglichkeit einer Reise nahe legen, deuten seine Essaybände Bibliotheken an, Forschungsgebiete. Neue Texte. Dass Kling bisweilen schnoddrig erzählt, dabei stets präzise in seinen Mutmaßungen - "Relaunching" für spracharchäologische Wiederaufnahme-Verfahren! Konstruktivismus als gängige Praxis seit je! - und so selbstbewusst, dass man froh ist, nur das Buch vor sich zu haben und nicht ihn, gehört zum (dann schon wieder etwas weniger eingeschüchterten) Lesevergnügen dazu. Wie die gelegentlich große Geste und die bisweilen beängstigende Überschriftensicherheit: Itinerar - da war Kling vierzig. Als er starb, war gerade ein weiterer Gedicht/Essayband erschienen - Auswertung der Flugdaten.
Zu letzterem schrieb ich - das ist bald auch vier Jahre her - dies: "Auswertung der Flugdaten" - bereits der Titel von Thomas Klings im März erschienenem Gedichtband hat etwas von Bilanz und Abschied. Nun rückt die Nachricht vom Tod des nur 47 Jahre alt gewordenen Künstlers seine Worte in düsterste Lichtverhältnisse. "Auswertung der Flugdaten" ist Thomas Klings literarisches Vermächtnis, nicht nur weil es das letzte Buch ist, das zu seinen Lebzeiten erschienen ist, sondern auch weil er darin seine Erkrankung und den schleichenden Krebstod in dem Zyklus "Gesang aus der Bronchoskopie" verarbeitet hat. "Jetzt ist es. jetzt werd ich: / zum schacht, zum lungen- / schacht wird ich." Kling, 1957 in Bingen geboren, dockte an die mündlichen Traditionen der Lyrik an. Harte Diktion wie mitunter brutale Ironie kennzeichneten die Lesungen, die Live-Performances waren: "Sprach-Räume mit der Stimme gestalten, Sprache mit der Stimme der Schrift gestalten: Sprachinstallation." In "Fernhandel" (1999) betrachtet der Dichter "Archivbilder", macht "Hintergrundstrahlung" im Wortgestein sichtbar. Im kürzesten Text, "Berliner Totentanz 1", legt er der "fig.1" in den Mund: "In knochenkleid steh ich nu im glanz: / Kein entkommen hier beim totntanz". Zwei Zeilen weiter antwortet "tod:" - nichts.
[ Lieblingszitat ] "Das Gedicht baut auf Fähigkeiten der Leser/Hörer, die denen des Surfens verwandt zu sein scheinen - Wellenritt in riffreicher Zone."
[ Info ] Kling, Thomas: Itinerar.
(Sprache d. Buchs: Deutsch)
Suhrkamp,
Frankfurt, 1997
.
ISBN: 9783518120064.
Genre: Essay
Stichworte: Sprachspiel, Sprache, opulent, Lautpoesie
Stil: sprachmächtig, elegant, beispielhaft
Empfohlen für: Musikalischen Menschen, Kunstgenießern
Sprachen (Buchtipp): Deutsch