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[ Buchtipp von Roman Leser ] Eine kolossale Sittengeschichte
Superlative haben immer etwas Willkürliches an sich. Die Auszeichnung einer Einzahl reduziert meist auf ungebührliche Weise. Dennoch wage ich einen subjektiver Superlativ: Der Romanzyklus "Die zahnlose Zeit" des Niederländers A. F.Th. van der Heijden ist die machtvollste Darstellung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Auch wenn es der Autor nicht ganz bis zur Jahrtausendwende schaffte, erzählen diese insgesamt 7 Bände inhaltlich wie ästhetisch das Aufbauwunder der Nachkriegszeit, das bei der Generation der Kinder Widerstand und Rebellion erzeugte.
Der Band "Die Schlacht um die Blaubrücke" stellt chronologisch das Herzstück und innerhalb des Zyklus den Prolog dar. Am 30. April 1980, dem "Königinnentag", als in Amsterdam ein Strassenschalcht um die Blaubrücke tobt, strolcht van der Heijdens heroinsüchtiger Held Albert Egberts an seinem 30. Geburtstag durch Amsterdam auf der Suche nach einem Gelderwerb. Sein Werkzeug, eine Schere, spiegelt die Romanstruktur wider: der eine Arm führt von diesem Moment zurück in die Kindheit, der andere in die Zukunft der 1980er Jahre. Zugleich ist sie Alberts Lebensmetapher: Die Schere macht sich selbst unschädlich, indem sie bei Gebrauch in sich hineinschneidet.
Van der Heijden versteht es, das Erzählen mit der Reflexion darüber so zu verbinden, dass dabei eine höchst komplexe Struktur herauskommt, die gut lesbar ist. "Die zahnlose Zeit" ist ein atemberaubendes, grossartiges Epos der Gegenwart.
Den ganzen Zyklus liegt in einer Kassette vor:
A. F. Th. van der Heijden: Die zahnlose Zeit. Romanzyklus in 7 Bänden. Aus dem Niederl. übersetzt v. Helga van Beuningen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2003.
[ Info ] van der Heijden, A.F.Th.: Die Schlacht um die Blaubrücke.
(Sprache d. Buchs: niederländisch)
Suhrkamp,
Frankfurt 2001
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Genre: Roman
Stichworte: meisterhaft, gewagt
Stil: satirisch, experimentell
Empfohlen für: Sprachgenuss, Reiselektüre, Freundschaftsgeschenk
Sprachen (Buchtipp): Deutsch