Über Florian Neuner

Florian Neuner

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Name: Florian Neuner
Sprache: Deutsch
Stadt: Berlin
Land: DEU

Bücher: 3

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gesammelte werke

Rühm, Gerhard

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[ Buchtipp von Florian Neuner ] An der deutschsprachigen Literatur, so scheint es, ist ein entscheidender Modernisierungsschub vorbeigegangen. Während ein bildender Künstler heute schon ein ausgebufftes Konzept aufbieten müßte, um mit realistischen Aquarellen ernstgenommen zu werden, und auch in der Musik niemand an den Avantgarden des 20. Jahrhunderts vorbeikommt, scheint genau das in der Literatur möglich. Hier dominieren noch immer unhinterfragt die ollen Kamellen aus dem 19. Jahrhundert, Roman und Gedicht. Dabei sah es einmal so aus, als könnte auch die deutschsprachige Avantgarde-Literatur im Literaturbetrieb ankommen, als 1967 im Rowohlt Verlag der von Gerhard Rühm herausgegebene Band Die Wiener Gruppe erschien. Es folgten Bücher von Oswald Wiener und Friedrich Achleitner, Franz Mon und Helmut Heißenbüttel waren in den siebziger Jahren vielbeachtete Autoren. Auf breiter Front nachhaltig durchgesetzt hat sich dann freilich die Literatur der Gruppe 47, die nach dem Krieg für einen politischen Neubeginn stand, jedoch ästhetisch nichts Neues zu bieten hatte. So werden die Greise Grass und Walser und Frühvergreiste wie Durs Grünbein noch immer für Repräsentanten einer relevanten Gegenwartsliteratur gehalten. Gerhard Rühm ist heute kein Rowohlt-Autor mehr. Seine gesammelten werke erscheinen jetzt in einem Verlag, der nicht einmal auf ein besonderes literarisches Profil verweisen kann. Das mag ein Schaden sein für die Resonanz der voluminösen gelben Bände in den Medien, der Sache schadet es nicht. Denn die Rühm-Gesamtausgabe ist in jeder Hinsicht hervorragend gemacht, der Literaturwissenschaftler Michael Fisch hat mit der »Lese- und Studienausgabe« einen überzeugenden Weg zwischen Leserfreundlichkeit und editorischer Sorgfalt gefunden für ein Werk, das noch keineswegs abgeschlossen ist. Man muß betonen: Wir haben es keineswegs zu tun mit einem Rückblick auf eine historische, neoavantgardistische Position. Der 78-jährige Rühm ist bis heute ungebrochen experimentierfreudig und schlägt ständig neue Funken aus immer wieder neuen Versuchsanordnungen. Im Zuge der Vorbereitung der Parthas-Bände hat er teilweise Texte, die Jahrzehnte lang unvollendet liegengeblieben waren, aufgegriffen und doch noch fertiggeschrieben.Wenn es einen Künstler gibt, für den das Überschreiten der Grenzen zwischen den Gattungen und den Künsten zentral ist, dann ist das zweifellos Rühm – der ausgebildete Musiker, der in den fünfziger Jahren mit Lautgedichten und konkreter Poesie begann und später an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg unterrichtete. Bereits die ersten vier Bände der Gesamtausgabe ergeben ein Kraft- und Experimentierfeld, dessen Ideenreichtum das trübe Einerlei der in den großen Feuilletons gefeierten Literatur überstrahlt und die Popliteraten sehr alt aussehen läßt. Zuletzt erschienen sind 700 Seiten mit »visueller musik«. Visuelle Musik? Es handelt sich dabei nicht um graphische Partituren des Komponisten Gerhard Rühm, sondern um Arbeiten, in denen sich die visuellen Aspekte musikalischer Aufzeichnungssyteme zu autonomen Bildwerken verselbständigen. Erstaunlich, wie viele Facetten er dieser Versuchsanordnung in den letzten 30 Jahren abgewonnen hat! In der »lesemusik« zeichnet Rühm auf Notenpapier, seine »liederbilder« sind Collagen, die fragmentierten Notentext mit Photos konfrontieren – überraschend, witzig, manchmal makaber, wenn etwa dem Bild eines ausgemergelten, auf allen vieren kriechenden schwarzen Jungen die Liedzeile »Bist doch ein ehrlos erbärmlicher Wicht, ein deutsches Mädchen küßt dich nicht« gegenübergestellt wird.Enorm ist auch das Spektrum der in dem Band mit »visueller poesie« versammelten Arbeiten – von »schreibmaschinenideogrammen« aus den fünfziger Jahren bis hin zu »automatischen schriftzeichnungen« und »adaptionen«, wie Rühm seine »literarischen pendants« zu Ready mades nennt. In den »kritischen kalligraphien« von 1985 reagiert der Zeitungsleser Rühm auf Nachrichten mit expressivem Strich oder auch mit Textkommentaren, mal wütend, mal fassungslos wie auf die Meldung »SS-Treffen endete ohne Zwischenfälle«: »1985!!! / 1985!!! / OHNE ZWISCHENFÄLLE«. Eröffnet wurde die Werkausgabe 2005 mit 1200 Seiten Gedichten. Wir finden dort konkrete Poesie aus der Zeit der Wiener Gruppe – ein Gebiet, auf dem Rühm eine Wendigkeit und einen Phantasiereichtum entwickelt, der weit über den oft platten Schematismus anderer Konkreter hinausgeht. Wir finden aber auch »vokabulare«, »wortspiele« und »litaneien«, in denen sich Experimentierlust und Spieltrieb auf immer wieder überraschende Weise verbinden, etwa in dem »versepos« »im wirtshaus« als Vierzeiler: »sitz am tisch / kommt ein fisch / ist nicht frisch / weg ihn wisch«. Dazu kommen Paraphrasen und Nachdichtungen ebenso wie Montagen, Anagramme, Chansons, selbst Haikus und eine mit »coole poesie« überschriebene Abteilung, in der es Rühm um die »literarische verwertung von trivialem, schockierendem, minderwertigem« geht. Auch die »vermischten gedichte« bestechen durch Formenvielfalt. Ein »hamburger zahlengedicht« mit dem Titel »bestattungen« geht schlicht so: »5 00 92 11«, während das mit den Zeilen »die tulpe scheisst auf den rasen / das veilchen furzt in die hand des gärtners / das vergissmeinnicht kotzt ins seidenpapier« beginnende »blumenstück« einst, in einem Schulbuch abgedruckt, gut war für einen Skandal. Wer nicht glauben mag, daß Gedichtbände aufregende Lektüren sein können, der hat in dem lyrischen Lebenswerk Gerhard Rühms den Beweis. Und multimedial, wie es nun einmal angelegt ist, sprengt dieses Werk natürlich das Medium Buch. Für den Band mit »auditiver poesie« sind beiliegende CDs angekündigt, und wer Rühms Arbeit wirklich in allen Facetten fassen will, der muß sich auch seine Musik anhören, seine Filme ansehen und seine originalgraphischen Arbeiten – Experimente auf allen Feldern und in allen Künsten.

[ Lieblingszitat ] wenn roth

       dann dieter

[ Info ] Rühm, Gerhard: gesammelte werke. (Sprache d. Buchs: Deutsch u.a.) Parthas Verlag, Berlin, 2005 ff. . ISBN: 3-936324-40-9.


Dieses Buch ist ...

Genre: Anderes
Stil: witzig, der Zeit weit voraus, Dialekt und Hochsprache, eröffnet neue Perspektiven, experimentell, Groteskes, innovativ, Konkrete Poesie, Kunst, Neue Prosa, sprachspielerisch, ungewöhnlich, virtuos, Avantgarde
Sprachen (Buchtipp): Deutsch


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