Über Wolfgang Straub
- Leserprofil
Name: Wolfgang Straub
Sprache: Deutsch
Stadt: Wien
Land: AUT
Bücher: 14
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[ Buchtipp von Wolfgang Straub ] 2008 hat sich als erster österreichischer Buchproduzent, der Innsbrucker Haymon Verlag, daran gemacht, eine eigene Taschenbuchreihe herauszubringen. Das mutige Unternehmen will vergriffene oder zu wenig bekannte „österreichische Klassiker“ einem breiten Lesepublikum zugänglich machen. Die Nummer zwei dieser Edition hat zweifellos das Zeug zum Klassiker: Ein erst in den neunziger Jahren im Nachlass der Übersetzerin Nora Purtscher-Wydenbruck in London entdecktes und 2001 veröffentlichtes Manuskript der großen Kärntner Dichterin Christine Lavant. Die „Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus“ sind laut Angaben der Dichterin im Jahre 1946 entstanden. Es liegt ihnen ein (freiwilliger) Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik nach einem Selbstmordversuch 1935 zugrunde, wie man dem ausführlichen und instruktiven Nachwort der Herausgeberinnen entnehmen kann. Die biografische Entschlüsselung des Textes mag für diejenigen Leser interessant sein, die sich gerne mit dem tragischen, krankheitsschweren Leben der Christine Thonhauser beschäftigen. Aber die Lesart als „Lebensdokument“ greift, wie immer, viel zu kurz – und es ist nicht zuletzt der unbestimmte Artikel im Titel, der eine Allgemeingültigkeit über alles Biografische hinaus verlangt.
Die „Aufzeichnungen“ tauchen ohne Umschweife in die „Irren-Anstalt“ ein, die Ich-Erzählerin berichtet von unmittelbar nach ihrem Eintritt in die „Abteilung Zwei“ einsetzenden Einschätzungs- und Einordnungsprozessen innerhalb der strengen Patientinnenhierarchie – schnell findet sie sich als krasse Außenseiterin wieder („und so bin ich eigentlich von den höchsten und maßgebenden Stellen beider Klassen von vornherein abgelehnt“; diese Eingangssequenz erinnert an Thomas Bernhards „Der Atem“, wo sich der Ich-Erzähler ebenfalls als noch nicht Dazugehöriger einer Anstaltsgemeinschaft sieht). Lavant gelingt es, mit wenigen Sätzen exakte Personenportraits ihrer Mitinsassinnen, die alle mit ihren „Anstaltsnamen“ genannt werden („die Königin“, „Nusserl“, „Baumerl“), zu schaffen. Die „Aufzeichnungen“ sind auch eine Studie über die Psychiatrie, über den Umgang der Medizin mit „Irrsinnigen“, über den Bezug der Außenwelt zu ihnen – eine Studie auch über Bewusstseinszustände, fließende Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit und schließlich über die Möglichkeiten des Schreibens in Ausnahmesituationen, speziell über Möglichkeiten weiblichen Schreibens in einer Umgebung voller vorgefertigter Erwartungen: „Von der Schule heraus auf einen ordentlichen, strengen Dienstplatz ist immer noch das beste Mittel gegen Hysterie.“
Lavant schreibt nie anklagend, das ist keine Leidensgeschichte, die man als Pamphlet für eine Psychiatriereform lesen könnte. Dafür gibt es hier zu viel Selbstironie: Besonders wie die Ich-Erzählerin mit ihrer uferlosen Verliebtheit umgeht, ist voller Humor geschildert. Ein dichtes, beeindruckendes, vielgestaltiges Buch – ein Klassiker.
[ Lieblingszitat ] Dachte ich wirklich, dass so und so viel Arsen, in gewissen Abständen eingenommen, meinem Leben einen Sinn geben würde?
[ Info ] Lavant, Christine: Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus.
(Sprache d. Buchs: Deutsch)
Haymon,
Innsbruck, 2008
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ISBN: 978-3-85218-802-7.
Genre: Erzählende Prosa
Stichworte: Selbstmordversuch, Gesellschaftskritik, Geisteskrankheit
Stil: meisterhaft
Empfohlen für: alle
Sprachen (Buchtipp): Deutsch