Über Tim Schomacker

Tim Schomacker

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Name: Tim Schomacker
Sprache: Deutsch
Stadt: Bremen
Land: DEU

Bücher: 22

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Die blauen Blumen

Queneau, Raymond

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[ Buchtipp von Tim Schomacker ] "Am fünfundzwanzigsten September zwölfhundertvierundsechzig erklomm der Herzog von Auge in aller Frühe die Turmspitze seines Geschlosses, um dort mal kurz ein klein bisserl die historische Lage in Augenschein zu nehmen." So beginnt "Die blauen Blumen" in der deutschen Übersetzung Eugen Helmlés. (Die italienische stammt nicht ganz zufällig von Italo Calvino.) "Soviel Geschichte, sagte der Herzog von Auge zum Herzog von Auge, soviel Geschichte für ein paar Kalauer, für ein paar Anachronismen. Ich finde das jämmerlich. Wird das nie ein Ende haben?" Sein Blick wandert von müden Römern über Sarabande tanzende Sarazenen bis zu fressenden Hunnen. Die Normannen trinken beharrlich Calvados. Jahrhunderte tun sich auf vor des Herzogs Augen, aber er ist müde, sie zu betrachten. Noch mehr Verdruss als das Historische bereiten ihm seine drei Töchter. Die müssen gelegentlich unter die Haube. Und an der Finanzierung eines weiteren Kreuzzugs soll er sich auch noch beteiligen. Das ist zu viel für diesen mittelalterlichen Joachim. Er frisst sich voll, legt sich erst mal hin. Und übergibt den erzählerischen Staffelstab zum ersten Mal an seinen Namensvetter aus dem Paris des Jahres 1964. Der heißt Cidrolin, ist ein ausgewiesener Freund der Fenchelessenz und lebt auf einem Hausboot. "Er hatte seine Siesta noch nicht beendet, als zwei Nomaden ihn weckten, die ihn von der Uferböschung aus anriefen. Cidrolin antwortete ihnen durch Zeichen, aber zweifellos verstanden die andern die Sprache nicht, denn sie kamen die Böschung herunter bis zur Stegplanke und gingen an Bord des Kahns."

So pendelt es dahin. Schläft ein Joachim ein, erwacht der andere. Weshalb beide zwei zweifellos ziemlich müde Gestalten sind. Sonst wäre ja kein Platz für das Leben des anderen. Auch Cidrolin hat drei Töchter. Nur läuft er wenig Gefahr, vom König mahnend gefragt zu werden: "Noch immer keinen Stammhalter?" Er ist eher in Sorge um die seinigen. Vor allem, wenn er auf der Wirtshausterrasse betrachtet, wie die Paare "Mundbeatmung üben". Dafür gibt es keine Kreuzzüge mehr. Und das groteske Geschichtsbild, das von Auge von den Zinnen herab betrachtete, drängt sich hier zu einer Straßenszene zusammen: "Der Quasi-Clergyman stieg wieder auf sein Moped und begab sich zum Campingcamp der Camper. Cidrolin, der den Bauarbeitern bei der Arbeit zuschaute, setzte ebenfalls seinen Spaziergang in dieser Richtung fort. Hinter dem Stacheldraht gingen Angeln, Brabanter, Niederländer, Suomiphone, Pikten, Gallier, Skandinavier und Rugier ihren Beschäftigungen nach." Das Völkerschlachtgemälde als Campingplatz. Auch schön!

Das identitätserschütternde Wer-träumt-wen? lässt sich nur so beantworten: beide beide. Reminiszenz an Queneaus frühe Surrealisten-Jahre? Versuch, das Doppelgängermotiv einmal komödiantisch zu erzählen? Jedenfalls öffnet Queneau den erzählerischen Raum in die Zeit. Und in die Sprache. Denn "Die blauen Blumen" setzt das behände quäkende Parisbild seines Zazie-Romans fort. Voller Lust am gesprochenen Wort, an groteskem Personal und an prachtvoller Nachdenklichkeit. "Man liest das in Ritterromanen", wird dem sich dem Kreuzzugigen verweigernden Konjunktiv-Ritter Joachim erklärt. Ein schöner Kurzschluss, der das Buch in seiner Buchhaftigkeit nicht gerade verheimlicht. Und auch der qua Zuspruchs zur Fenchelessenz mehr vage durch die Gegend tapernde Namensvetter hat so eine Idee. Schriebe er seine Träume auf, "das gäbe einen richtigen Roman. / Glauben Sie nicht, dass es genug solcher Romane gibt? / Keine Angst, sagt Cidrolin, ich bin kein Tintenfacharbeiter." Ein solcher, und zwar einer von höchster Güte ist aber Queneau. Denn der erfindet als einzigen Vertrauten des alten Herzogs einen nur köperlich klapprigen Gaul: Demosthenes. Nach einem Staatsmanne des 4. vorchristlichen Jahrhunderts benannt, analysiert die Mähre die historische Lage, die sein Herr und Reiter vor lauter Müdigkeit nur betrachten kann. Und die Normannen trinken Calvados.

[ Lieblingszitat ] "Es gibt Träume, die spielen sich ab wie Zwischenfälle ohne Bedeutung, im wachen Leben würde man solche Dinge nicht behalten und doch interessieren sie einen, wenn man sie am Morgen ergreift, dieweil sie in wilder Auflösung gegen die Tür der Augenlider stoßen."

[ Info ] Queneau, Raymond: Die blauen Blumen. (Sprache d. Buchs: Deutsch) Wagenbach, Berlin, 2001 (1965). ISBN: 9783803124234.


Dieses Buch ist ...

Genre: Roman
Stichworte: Identität, Historischer Roman, Groteskes
Stil: wunderschön, virtuos, sprachmächtig
Sprachen (Buchtipp): Deutsch


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