Über Tim Schomacker
- Leserprofil
Name: Tim Schomacker
Sprache: Deutsch
Stadt: Bremen
Land: DEU
Bücher: 22
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[ Buchtipp von Tim Schomacker ] An der Wand links von meinem Schreibtisch hängt plakatgroß eine Karikatur. Ein sehr dicker und sehr betrunkener Mann brüllt über Bierkrug und Tresen hinweg dem rauchenden Wirt zu: "Ganz früher war früher noch früher!" Gezeichnet vom Berliner OL, hängt sie dort, weil sie schön ist - aber auch als Warnung. Nie vorschnell die alten Zeiten zu rühmen, wenn die Gegenwart besonders unrühmlich erscheint. Der positive Bezug auf ein Damals will also gut überlegt sein. Gelegentlich aber gelangt man qua guter Überlegung zu Ausnahmen. Nehmen wir etwa das Radio. Selbstredend war nicht alles früher gut, nur weil heute vieles unerträglich ist. Manches schon. Dass es möglich war, einen Autor über Monate durch Länder reisen, ihn seine Eindrücke zu einem langen Text formen und diesen von einem guten Sprecher lesen zu lassen. Das ist schon eine feine Sache. Vor allem, wenn die versendete Lesung des Reiseberichts gern mal bis zu drei Stunden dauern konnte. Keine O-Töne, keine Musik - nur Worte.
Aus Wolfgang Koeppens Worten entstehen mehr Bilder als aus den meisten TV-Reise- oder Länderberichten heutzutage. New York entstehen zu lassen, das ländliche Nordfrankreich oder den Himmel über Los Angeles, die Zerrissenheit des seinerzeit noch frankistischen Spanien oder die Ungleichzeitigkeiten im sowjetischen Russland kurz nach der Abkehr von Stalin einzufangen, das sind schon sehr feine Sachen. Entstanden in einer Zeit, da man (wie Alfred Andersch, der seinerzeit als Redakteur des SDR einige von Koeppens Radio-Reisen in Auftrag gab) den Tod von James Dean hörspielmäßig noch aus fremden Texten zusammencollagieren durfte - eine Idee, auf die einem heute wohl kaum ein Redakteur überhaupt antworten würde, schickte man sie ihm. Die Radioreisen aus den Jahren 1958 bis 1962 bestellte und produzierte übrigens Helmut Heissenbüttel.
"Keinem hat je die Welt so gehört wie mir", schreibt Koeppen in dem kurzen Text "Landung in Eden". Gewissermaßen als Meta-Reise ist er in einem der drei Werkausgabenbände mit den Radio-Reisen enthalten. Das Erzähl-Ich fliegt rund um die Welt, sagt: "Ich sah dies alles oft in wenigen Stunden und zusammengedrängt wie in den Bildern eines Films; manchmal flog ich mit der Morgenröte..." Das Zusammendrängen und die optische Qualität sind die beiden Grundelemente dieser Koeppen-Texte. Dazu kommt: die Empfindsamkeit, die er im Untertitel seiner Russlandfahrt selbst nennt. Sie verbindet die Empfindlichkeit von Celluloid oder Fotofilm mit dem Blick in die Archive, in die Sphären des kollektiven Gedächtnisses. Denn Koeppen betrachtet, spricht, schaut und notiert unterwegs - und schreibt daheim. So entstehen Distanzen. Zu den Reiseorten, aber auch zwischen dem Erlebten und dem Vorgewussten, Er-lesenen. Wissen und Erfahrung, Beobachtung und Interpretation schieben sich übereinander, "zusammengedrängt wie in den Bildern eines Films".
Das Cover der Nachlasstextesammlung zeigt ein dermaßen sprechendes Foto: In einem dunklen Raum steht Koeppen, ein Fernglas vor den Augen - und schaut durch dieses auf eine Landkarte an der gegenüber liegenden Wand. Dass der Rundfunk ganzen Generationen bundesrepublikanischer Schriftsteller eine Existenzhilfe war und die Reisen, Features und Hörspiele oft Auftragsarbeiten, tut der Qualität mitunter keinen Abbruch. In Koeppens Fall - nach dem rasch aufeinander folgenden Erscheinen seiner drei großen Romane geriet die (nichtreisende) Schreibarbeit ins Stocken - wurde das in den 1950er Jahren populäre Genre der Reisereportage adaptiert. Und zu einem eigenständig literarischen Genre gemacht. So fährt er dann auf Einladung des Schriftstellerverbandssekretärs, Herrn Polewoi, mit der MS Odessa bis nach Stalingrad. "Für mich waren die neuen, die makellosen Tempel die einzigen Ruinen in der Stadt. Sonst nichts von Zerstörung! Stalingrad ist aufgebaut, es ist der vollkommenste Aufbau, den man sich denken kann." Bemerkenswerte Bemerkung für einen, der reichlich über die widersprüchlichen Anstrengung Nachkriegsdeutschland geschrieben hatte, sich aus der ungeliebten Umklammerung der NS-Vergangenheit zu befreien.
Andernorts, nämlich auf der westwärts gerichteten USA-Fahrt, genauer gesagt: in (oder besser: über) New Orleans, findet man Motive, die ein anderer Radioreisender ca. 2 Jahrzehnte später ausarbeiten sollte: Hubert Fichte. "Der Wind kam schon aus heißem Land", schreibt Koeppen, "wehte aus dem Reich alter, ermordeter Götter; er roch nach Gift, nach geronnenem Blut, nach faulendem Wasser und nach dem billigen Rauch von Marihuana."
[ Lieblingszitat ] Der Himmel war unwahrscheinlich, er war blauer als der Himmel über dem Palermo Friedrichs II., er war höher als der Himmel Athens in der goldenen Zeit und reiner als der Himmel der Hirten und der Heiligen Drei Könige aus dem Morgenland, er war der makellose, der teure Himmel der Filmoperateure, sein Äther war der Kuppelhorizont einer gewaltigen Bühne, und die Sonne machte den Scheinwerfer, der die Dekoration beleuchtete, die wundersame Stadt Los Angeles, die wahre Heimat der Engel.
[ Info ] Koeppen, Wolfgang: Nach Russland und anderswohin.
Neun Originale Radio-Essays, 15 CDs.
(Sprache d. Buchs: Deutsch)
cpo,
Osnabrück, 2008
(1956 - 1962).
ISBN: 3935840063.
Genre: Roman
Stichworte: Reisen, Mythos, Landschaften, Heimat, Geschichte des 20. Jahrhunderts, Essay, Eleganz, beeindruckend
Stil: sprachmächtig, pointiert, gut verständlich, durchsetzt von feiner Ironie, analytisch
Empfohlen für: Russland, Reisenden, Langsamlesern, Hörgenuss, für alle Rom-Liebhaber
Sprachen (Buchtipp): Deutsch