[ Buchtipp von Ulrike Matzer ] Eine Dreiecksgeschichte, die im Kreis gelesen werden kann, mathematisch klar und von Pascal'scher Denkkraft, bizarr dabei auch – voilà Toussaint. Aus dem Nichts aufgetaucht 1985 mit “La salle de bain“. Eben dorthin, ins Badezimmer, verfügt sich sein Ich-Erzähler im Alter von siebenundzwanzig, bald neunundzwanzig Jahren – und nimmt Kurs in Gegenrichtung. Entschwindet seiner Umgebung, nach und nach. Die Leere ist bekanntlich weiß und das Liegen in der Wanne, – mal in Kleidern, mal ohne –, dem Sichverflüssigen bekömmlich. Dabei bleibt er trocken wie ein Bimsstein, der Humor des Weltverweigerers.
Als wäre was sich in seiner Wohnung tut nicht reichlich – eine Einladung der österreichischen Botschaft flattert dubioserweise an, zwei ausmalende Polen mühen sich mit Tintenfischehäuten ab –, nimmt er Reißaus nach Venedig. Wenn Paris bei Regen ihn durchs Fenster anblubbert wie ein Aquarium, wie wunderlich wird's dem Monsieur erst dort, reglos harrend im Hotel, sprachlos im fremden Land.
Ein Dartpfeilchen zielt dann doch auf Action ab, als Projektil zur Schlusspointe hin. Die im Wortsinn keine ist, weil raumgreifend, dynamisch (eine von seiner Frau Edmondsson gedrehte Pirouette) und also Spin zum Anfang hin – oder auch nicht.
[ Info ] Toussaint, Jean-Philippe: Das Badezimmer.
Frankfurter Verlagsanstalt,
Frankfurt/Main, 2004
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ISBN: 3-627-00119-2.
[ 20.07.07 - 22:27 ] [ Kommentar von Stephan M. ] Ich finde den Schreibstil in diesem Buch nicht besonders. Klar, er ist extrem sachlich, ist, wie im hinten angefügten Essay des Übersetzers geschrieben: nüchtern, kaltblütig, karg, glasklar, aber eben nicht, wie dort auch steht: alles Unnötige verbannend. Er verbannt Nötiges. Es werden ausschließlich Fakten erzählt, oder besser: chronologisch aufgezählt, und es gelingt nicht, mehr zu erzählen als die Summe dieser Fakten. Vielleicht sagt mancher da: ein Stil, der gerade eine traumartige Entrücktheit anzeigen soll, was zu den im weiteren Verlauf irrealen, absurden Geschehnissen und der (auch im Klappentext vorgetragenen) Vermutung, daß er die Badewanne in Wirklichkeit nie verlassen hat, paßt. Aber dennoch bleibt alles Geschehen dadurch dem Erzähler äußerlich, man erfährt absolut nichts über ihn, nur einmal spricht er ganz kurz (S. 75) auf zwei Seiten über sich und seine Befindlichkeiten.
Wären es doch mehr Seiten. Dann wäre aus der netten Badewannen-Idee noch etwas geworden. Was einen interessiert ist nämlich gerade der Mensch, der sich hineinlegt, der Mensch, der nach Venedig flieht, der Mensch, der sich selber bei seinem Tun entrückt beobachtet. Aber leider kommt in diesem Roman kein einziger Mensch vor, noch nicht mal ein träumender, denn die Aufzähling irrealer Geschehnisse macht noch keinen Traum - träumen können nunmal nur Menschen.
Schade.