Über Karin S. Wozonig
- Leserprofil
Name: Karin S. Wozonig
Sprache: Deutsch
Stadt: Wien
Land: AUT
Bücher: 34
[ Buchtipp von Karin S. Wozonig ] Als im Mai des Jahres 1828 Kaspar Hauser in Nürnberg auftauchte, beflügelte seine Person sehr bald die Phantasie seiner Zeitgenossen. Der ungefähr Sechzehnjährige, der von sich behauptete, sein ganzes bisheriges Leben in einem Käfig oder Kellergewölbe verbracht zu haben, wurde - nach anfänglicher Skepsis - zur bestaunten Sensation. Es wurde vermutet, er sei ein badischer Prinz, der versteckt gehalten worden sei, um die Thronfolge einer Nebenlinie zu ermöglichen. Schon zu Lebzeiten Hausers kam aber auch der Verdacht auf, es handle sich bei ihm um einen pathologischen Lügner oder einen Betrüger.
In diesem Buch sind drei Texte zusammengestellt, die in den 1830er Jahren verfasst wurden. Die beiden Texte von Anselm von Feuerbach wurden bereits 1832 und 1852 gedruckt, in ihnen wird die Verschwörungstheorie recht plausibel vertreten. Der dritte Text, verfasst von Georg Friedrich Daumer, ist eine der seltenen im 20. Jahrhundert entdeckten Quellen der Hauser-Forschung.
Hauser lebte fünfzehn Monate bei Daumer und die Unmittelbarkeit der Aufzeichnungen vermittelt ein lebhaftes Bild - nicht Hausers, sondern Daumers. Der war Gymnasiallehrer, Lyriker und ein unermüdlicher Sucher und Interpret metaphysischer Phänomene. In einer Zeit der rasanten naturwissenschaftlichen und technischen Entwicklung widmet sich Daumer Experimenten, die die außergewöhnliche Sensibilität Kaspar Hausers belegen sollten, eine Sensibilität, die Daumer als Folge der jahrelangen Abschottung Hausers von Umwelteinflüssen betrachtete. Detaillierte Aufzeichnungen von Kaspar Hausers Krämpfen, Ekelbezeugungen, Form und Farbe von Ausscheidungen, Kopfschmerzen etc., aber auch Notizen über sein Sprachvermögen und andere intellektuelle Fähigkeiten stellte Daumer in Themenbereichen zusammen, die die Veränderung Hausers in den Jahren 1828 bis 1830 dokumentieren.
Damit ist in diesem Text die Faszination eingefangen, die der (angeblich) unverbildete Mensch und seine besondere Beziehung zu Natur und Gesellschaft auf Daumer ausübten. Für Daumer steht nicht, wie für den Juristen Feuerbach, das Verbrechen im Vordergrund, das an Kaspar Hauser begangen wurde, indem er von der Gesellschaft weggesperrt wurde. Für ihn ist die mögliche Ursprünglichkeit des Menschen interessanter. Die Brüchigkeit des Bildes, das sich Daumer von dem Findling macht, teilt sich den Lesern mit. Die Konstruktion bricht mehrfach zusammen, so zum Beispiel als Hauser seine Friedfertigkeit verliert, und trotz der Erklärungsversuche Daumers ist es sehr wahrscheinlich, dass auch er an der Geschichte Hausers zu zweifeln begann.
[ Lieblingszitat ] August 1828. Als er portraitiert worden war, sagte er, die ganze Ähnlichkeit, die das Bild habe, liege in der Nase. Er legte ein kleines Stück Papier auf die Nase, u. sagte, man könne nun sehen, daß das Bild jetzt gar keine Ähnlichkeit mehr habe.
[ Info ] von Feuerbach, Anselm: Kaspar Hauser.
(Sprache d. Buchs: Deutsch) Georg Friedrich Daumer. Hrsg. v. Johannes Mayer und Jeffrey M. Masson.
Eichborn,
Frankfurt/M, 1995
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