Über Internationaler Literaturpreis - Haus der Kulturen der Welt
- Leserprofil
Name: Internationaler Literaturpreis - Haus der Kulturen der Welt
Sprache: Hebräisch
Stadt:
Land: DEU
Bücher: 2
![]()
[ Buchtipp von ] Nur wenige Jahre ist es her, dass die Stadt von einem mörderischen Bürgerkrieg zerteilt wurde. Rawi Hages Romanerstling „Als ob es kein Morgen gäbe“ erzählt, wie im Chaos dieses Kriegs aller gegen alle die Freundschaft von Bassam und George auseinander driftet. Während George sich einer christlichen Miliz anschliesst, schlägt sich Bassam als Kleinkrimineller durch. Beirut in den 1980er Jahren ist kein Pflaster, um sich in Ehrlichkeit zu üben. Das undurchschaubare Gewirr von Milizen, die permanenten Bombardements und vor allem die Absenz von Recht und Gesetz zwingen coole Jungs wie Bassam, sich auf eigene Faust durchzuschlagen. Dabei gefällt er sich durchaus als einsamer Outlaw, der sich nimmt, was er braucht. Wie Camus’ „Fremder“ weint er dem Tod seiner Mutter keine Träne nach, obwohl er ihr nichts vorzuwerfen hat. Er mag ihr Gejammere über Bomben und Lärm einfach nicht mehr hören. Rawi Hage entwickelt in den ersten zwei Kapiteln eine gespenstische Szenerie zwischen schnell wechselnden Kampffronten. Sprachlich gibt sich der Roman – wie sein Ich-Erzähler Bassam – abgebrüht nüchtern mit schnellen Szenenwechseln: Schuss – Gegenschuss.
Für Bassam ist der Krieg manchmal bloss ein Spiel, ein Menschenleben zählt dabei wenig, und wer weiss, was morgen ist. Die Milizen sind die Könige, deshalb geht Bassam auf einem dünnen Grat. Seine Versuche, das Casino der Miliz zu betrügen, funktioniert nur mit Hilfe Georges, der seinem „Bruder“ wiederholt aus der Patsche hilft – solange er kann. Im abschliessenden dritten Kapitel flieht Bassam nach Paris, wo er eine Adresse kennt. Damit verändert sich auch Hages Roman, der aus der Düsternis ausbricht und sich inhaltlich wie sprachlich lockert. In Paris allerdings wirkt Bassams Herumfuchteln mit der Pistole überzeichnet und unglaubhaft. Spätestens hier wird deutlich, dass nicht Bassam die Leser in Bann schlägt, sondern der zwielichtige George, der in seiner grausamen Widersprüchlichkeit zuletzt höchst menschlich wirkt. Er ist die unglückliche Seele in diesem Buch, dass trotz Schwächen über weite Strecken einen gefährlichen Sog entwickelt und ein zwar stilisiertes, doch packendes Bild des Bürgerkriegs in Beirut zeichnet.
(Beat Mazenauer)
[ Info ] Hage, Rawi: Als ob es kein Morgen gäbe.
(Sprache d. Buchs: Deutsch) Aus dem Englischen von Gregor Hens.
DuMont,
Köln, 2008
(2006).
Keine Resultate gefunden