Über Karin S. Wozonig
- Leserprofil
Name: Karin S. Wozonig
Sprache: Deutsch
Stadt: Wien
Land: AUT
Bücher: 34
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[ Buchtipp von Karin S. Wozonig ] Er habe beim Lesen dieses Romans Tränen vergossen, schreibt der Historiker Golo Mann. Auch wenn man von Jakob Wassermanns Darstellung des Schicksals von Caspar Hauser nicht ganz so beeindruckt ist: Ein literarisches Werk, das nach hundert Jahren noch „funktioniert“ ist dieses Buch allemal.
Zu einem bedeutenden Teil liegt das an Wassermanns Verfahren, Originaldokumente aus den 1820er und 1830er Jahren in seine Version der Geschichte vom geheimnisvollen Findelkind wortwörtlich einfließen zu lassen. Das ist ein schönes Beispiel für die Möglichkeit, Vergangenheit zu vergegenwärtigen. Wir heutigen Leserinnen und Leser werden von Wassermanns allwissendem Erzähler in einen Zusammenhang mit dem mysteriösen Fall Hauser und zugleich in eine Kulturgeschichte des modernen Subjekts gestellt, eines Subjekts, das sich durch seine Selbstbestimmung auszeichnet.
Caspar Hauser wird bei Wassermann zur Projektionsfläche für alle Menschen in seiner Umgebung. Für den ehrgeizigen Schmeichler ist er ein Betrüger, der sich einen Vorteil ergaunern will, für den liberalen Freigeist ist er ein Opfer der Mächtigen, für den Diätetiker ist er die Verkörperung des unschuldigen Naturzustands. Und so wird Caspar Hauser in der Version von Wassermann nach seiner Gefangenschaft ein zweites Mal durch die Grausamkeit seiner Mitmenschen daran gehindert, zu sein, wer er ist, also daran gehindert, modernes Subjekt zu sein.
[ Info ] Wassermann, Jakob: Caspar Hauser.
Oder die Trägheit des Herzens.
Fischer,
Frankfurt/M, 1968
(1908).
Genre: Roman
Stichworte: 19. Jahrhundert
Sprachen (Buchtipp): Deutsch