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[ Buchtipp von Beat Mazenauer ] Ruth Schweikerts Roman muss man von Anfang an lesen - das ist hier keine Floskel. Ihre ersten Sätzen zünden ein stilistisches Furioso. „Als Kind wünschte ich mir an manchen Tagen schon frühmorgens dringend irgend etwas, das nicht Milch hieße und Butter und das täglich Brot gib uns heute...“ Unter der Überschrift „Vorausgesetzt“ wird auf knappen eineinhalb Seiten ein Frauenleben in wenige, schlagende Sätze gestanzt. Die verzweifelte Suche nach „verboten viel Glück“ fällt unausweichlich zurück ins verfluchte Räderwerk des Alltags.
„Augen zu“ ist ein ausgereifter und sprachkräftiger Roman. In einer komplexen Erzählstruktur eingefangen, erzählt er von der nicht minder komplizierten Liebe wie sie ist. Alleinerziehende Mütter, vaterlose Kinder, Beziehungen, die an Erwartungen und Illusionen zerbrechen. Die Leben zweier Unsteter treffen hier aufeinander. Der Journalist Raoul mit seinen jüdischen Wurzeln und Aleks, die aus genormten Verhältnissen stammt. Ihre Mutter Doris musste immerhin 64 Jahre alt werden, bis „sie endlich endlich eingetreten war, diese kleine, banale Katastrophe, verlassen zu werden“. Aus dieser Enge hat Aleks ein Leben lang auszubrechen versucht, „ohne irgendwo eine Spur zu hinterlassen“.
Äusserlich hält sich Schweikerts Roman an keine Logik. Personen und Ereignisse tauchen in scheinbarer Willkür auf und wieder ab. Doch trotz solcher Brüchigkeit wirkt der Erzählsog in sich stimmig, weil ihm eine stilistisch und kompositorisch fein ausbalancierte innere Logik zugrunde liegt. Aleks wird dreissig und lässt mit bitterer Ironie die Verwundungen der Liebe in ihrem Kopf durcheinanderwirbeln. Mit bitterem und mitunter auch ironischem Nachhall erzählt „Augen zu“ von dieser Liebe, wie sie ist. Nur am Schluss erlaubt sich Ruth Schweikert eine trotzige, versöhnliche Zuversicht, mit der sie andeutet, dass in der Liebe mehr als nur Gnadenakte und verdrängte Totschlagswünsche stecken.
[ Lieblingszitat ] Als Kind wünschte ich mir an manchen Tagen schon frühmorgens dringend irgend etwas, das nicht Milch hieße und Butter und das täglich Brot gib uns heute. Und es reichte auch nirgends hin, noch fünf Minuten länger im Bett zu bleiben und mir meine Haare gelockt vorzustellen.
[ Info ] Schweikert, Ruth: Augen zu.
(Sprache d. Buchs: Deutsch)
Ammann Verlag,
Zürich, 1998
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Genre: Roman
Stichworte: Familienleben, Alltag, jüdisch, Zusammenleben, Frau, alleinerziehend
Stil: gebrochen, diskontinuierlich, ausgereift, komplex, kunstvoll
Empfohlen für: Sprachgenuss, Familienleben, Frauen
Sprachen (Buchtipp): Deutsch