Über Verena Mock
- Leserprofil
Name: Verena Mock
Sprache: Deutsch
Stadt: Emmenbrücke
Land: CHE
Bücher: 8
[ Buchtipp von Verena Mock ] Orhan Pamuk lebte als Kind eine Zeitlang in Genf. Hat er eine Mani-Matter-Kassette geschenkt bekommen? In Matters Lied „Useme lääre Gygechaschte“ finde ich vieles „en miniature“, was Pamuks Roman „Schnee“ ausmacht: die Geschichte vom verschwundenen Künstler, die Melancholie und die augenzwinkernde Konstruktion des Textes:
us emene lääre gygechaschte/
ziet er sis inschtrumänt/
und dr chaschte verwindet /
und er spilt ohni bogen/
es lied ohni wort/
und er treit e zilinder/
doch drunder ke chopf/
und ke hals und ke lyb/
keni arme no bei/
das het er alles verloren im chrieg//
und so blybt no sys lied/
nume das isch no da/
denn ou e zilinder
/het er nie kene gha
(Mani Matter, 1936-72)
Die Idee, einen Roman rund um Lücke herum zu schreiben, die ein verschwundenes Notizheft hinterlässt, erzeugt einen un-glaublichen Sog: ich war ergriffen von der Schönheit von Kas Gedichten, obwohl kein einziges im Roman abgedruckt ist… Pamuk kann bezaubernde, herzergreifende Gestalten wie Ka, Necip und Ipek erschaffen, schon das lohnt die Lektüre. Was für mich den Roman aber wirklich zum Meisterwerk macht, ist die Kunst des Autors, gleichzeitig Sympathie und Distanz zu seinen Figuren zu erzeugen. Dabei hilft ihm die Gestalt Orhans, Freund des toten Ka, der die Entstehung seines eigenen Romans erzählt. Mit liebevoller Ironie, aber auch mit nüchternem Realismus löst so Pamuk den Zauber, deckt ganz gelassen die Illusionen, Widersprüche und finsteren Seiten seiner Helden auf. Der Humor des Buches ist immer spürbar, der Erzähler schafft es, auch die Vertreter extremster politischer Positionen nicht zu idealisieren oder zu dämonisieren, sondern immer realistisch-unzulänglich zu gestalten. Davon bleibt auch der Mythos Europa nicht verschont: Die Schilderung des Frankfurter Exils liest sich wie im Krimi von Arjouni. Verena Mock, 15.8.2010
[ Lieblingszitat ] "Ich setzte mich, blickte zwischen den Schneeflocken auf die ins Orange spielenden Lichter der letzten Häuser in der Vorstadt, die herunter-gekommenen Zimmer, in denen ferngesehen wurde, den dünnen, zitternden feinen Rauch, der aus niedrigen Schornsteinen auf schneebedeckten Dächern aufstieg, und begann zu weinen." (S. 512)
[ Info ] Pamuk, Orhan: Schnee.
(Sprache d. Buchs: Deutsch) Christoph K. Neumann.
Hanser,
München Wien, 2005
(2002).
ISBN: 3-446-20574-8.
Genre: Roman
Stichworte: Theater, Religion, Politik, Poese, Mystik, Mord, Liebe, Kopftuch, Islam, Fundamentalismus, Folter, Fernsehen, Europa, Zeitung, Bürgerkrieg
Stil: berührend, satirisch, poetisch, mit vielen Dialogen, melancholisch, ironisch, humorvoll, gut verständlich, bilderreich
Empfohlen für: Poeten und Poetinnen, Neo-Romantiker/innen, Liebhabern langer Romane, angehenden Priestern, an der Gegenwart in der Türkei Interessierte, am islamischen Fundamentalismus Interessierte
Sprachen (Buchtipp): Deutsch