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[ Buchtipp von bu wal ] Die katholische Messe ist ein uraltes Ritual, ehrwürdig und radikal. Es ist weit mehr als geheimnisvoll, weil es zutiefst und zuinnerst mit der Präsenz des Geheimnisses in der Welt verbunden ist. Darüber hinaus ist seine Wahrheit und Wirklichkeit in der Person jedes Menschen geahnt und gewusst – unabhängig von jeder Form – als Beziehung zum geheimnisvollen Grund des Leben einfach da. Katharina Tiwald hat sich diesen „Messekomplex“ – der einleitende Begriff ihrer Wahl für das Thema – in der von ihr persönlich römisch-burgenländisch-katholischen Erlebnisgestalt vorgenommen. Respektvoll, engagiert und persönlich (das heißt auch und wohl vor allem: als Frau) – dem modernen Ethos literarischen Denkens, essayistischer und Intellektualität ebenso verpflichtet wie ihrem poetischen Talent und der fraulichen Emotionalität – ist sie seiner traditionellen (nicht nur, aber auch: ekklesiogenen) Komplexhaftigkeit auf der Spur, die sich durch die Tage der Kindheit bis in die persönliche Gegenwart zieht. Zu den Kultur-Heroen der säkularisierten und früher so genannten: liberalisierten heute eher: globalisierten Zivilisation unserer Tage gehören – neben Wissenschaftlern/innen und Künstlern/innen – vor allem Schriftsteller/innen. Diese Schreiber/innen sind antibürgerlich und antiliberal gleichzeitig, sie sind immer lästig und in ihrer Widerspenstigkeit oft obsessiv unangepasst. Sie beeindrucken uns durch ihre schöpferische Gestaltungskraft, mit dem „Feuer“ ihres Geistes und in ihrer eigenartigen Liebe zur Wahrheit durch alle historischen und intellektuellen Widersprüche hindurch. Wir verfolgen mit aller Kraft das Ziel der Gesundheit während wir an die Realität der Krankheit glauben. Und Wahrheiten sind meist nur respektiert, wenn sie aus der Not geboren sind. Katarina Tiwalds „Messe für Eine“ ist (auch) ein unverhohlen offener, erstaunlich initimer und poetisch-literarischer Gang durch den „Dornenwald“ weiblich-menschlicher Entwicklung, wie er sich tagtäglich millionenfach konzentriert in den Eucharistiefeiern dieser Welt abspielt. Zwischen verbaler Auflehnung (gegenüber dem institutionellen Aspekt) und geahnter Radikalität im Gegenüber und Miteinander des Lebensgeheimnisses hangelt sich der Text durch die rituellen Schritte der Messe. Das sind spannende Miniaturen moderner Spiritualität und damit auch eines verunsicherten Wissens um das Ewige, Göttliche in den Freuden und Leiden menschlichen Daseins. Schuldbekenntnis, Tagesgebet und die Lesung aus der Apokalypse, das "heilige Evangelium nach Katharina" - in dem die "Vorhänge des häuslichen Tempels" (wenigstens) eingerissen werden – provoziert eine Predigt, in der die frohe Botschaft definitiv, fast mustergültig in das Leben hinein (besser: hinaus) ausgelegt wird. Das Glaubensbekenntnis versammelt all die Zweifel an Gott, Christus, dem menschlichen Verhalten und der kirchlichen Performance der lebensträchtiger Hoffnungen. Ein seltsam wunderschönes Stück inspirierter, spiritueller und lebenspraktischer Literatur bietet die Phase des Hochgebetes. Es geht um "die" Wandlung, das Geheimnis der Geheimnisse, die zentralste Phase des katholischen Rituales, das Lebenszentrum allen Glaubens. Das "letzte Geheimnis" ist die Wandlung, "eigentlich ein Splattermovie...die ruhige, verlangsamte Erzählung eines Splattermovies" (37). Man täusche sich nicht, angesichts dieses Zitates, da wird nicht geistig-geistlich-spirituell geschludert um irgendwelcher Effekte willen, neinnein. Da wird mit Sorgfalt Übersetzungsarbeit geleistet, ideenreich und kreativ und das Beten und Bitten, das Flehen und Schweigen in den Zeilen und zwischen den Abatzbrüchen - das ist ernst gemeint, klar gedacht, bewusster Einsatz der Mittel. Da ist kein(e) pietätlose(r) antikatholischer Glaubensmuffel am Werk, der/die sich am Eingemachten katholischen Glaubens vergreifen möchte, aber auch keine verspannte Wellness-Religions-Pädagogin mit literarischen Anflügen - im Gegenteil! Die Bigotterie, Hysterie und Selbstzerstörung unserer Zeit - auch und gerade in der und den Kirche(n) dieser Tage – machen die Lektüre dieses Textes zu einer Betrachtung der "Glaubensgeheimnisse". Katharina Tiwalds "Messe" ist so phänomenal wie das Thema, dem der Text sich widmet, so seltsam fromm, so aufrichtig schräg und von wunderlich leichter Tiefsinnigkeit. Und das in Form und Sprache. Er hat meinen Respekt als Gläubiger und auch den des Theologen, der ich bin. Für modernitätsgepeinigte, gehorsamsüberfütterte katholische Seelen könnte der schmale Band einen überraschenden Blick, nicht ohne Respekt und Zuneigung, auf gläubige Existenz bedeuten und sicher ist Tiwalds Meditation eine oasenhafte Labsal für jene Sorte von (katholischen) Gläubigen, die suchend, zweifelnd und müdegewandert in den Wüsten und Schluchten ihrer Tradition auf Pilgerschaft sind._
[ Lieblingszitat ] "Vater Unser
ich bin wundgebetet vom Vaterunser
immer schon habe ich das Vaterunser gebetet wie das Atmen
geatmet
ich habe andere gesundgebetet mit meinen Vaterunsern und
mich krank und wund" (S. 45)
[ Info ] Tiwald, Katharina: Messe für Eine.
(Sprache d. Buchs: Deutsch)
edition lex liszt 12,
Oberwart, 2009
(2009).
ISBN: 978-3-901757-89-1.
Genre: Erzählende Prosa
Stichworte: Frau in der Kirche, Schöpfung, Schmerz, sexuelle Selbstbestimmung, Wandlung, Schönheit, Rom, Gottesdienst, Katholiken, Kirche, Klerus, Liturgie, Messe, Poesie, Religion
Stil: bekennend, beschreibend, bildhaft, dramatisch, eigenwillig, erzählend, frech, grell, lyrisch, poetisch, sprachmächtig, sprachspielerisch, theatralisch, tiefenscharf, Zeitstück
Empfohlen für: kritische Christen, Kulturwissenschaftler, Lektüre zum Nachdenken, Mystiker, Nachdenker, Religiöse, Religionskritiker, Relligionsliebhaber, Kirchenleute, Katholiken, Zweiflerinnen
Sprachen (Buchtipp): Deutsch