Über Verena Mock
- Leserprofil
Name: Verena Mock
Sprache: Deutsch
Stadt: Emmenbrücke
Land: CHE
Bücher: 10
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[ Buchtipp von Verena Mock ] Eines Tages erhält sie einen Brief. Von einer Internatsfreundin, die sie lange nicht gesehen hat. Diese kündigt ihren Suizid an.
So könnte der Anlass für die Novelle ausgesehen haben. Die Erzählerin erinnert sich an eine Jugendliebe. Betrauert den Verlust der Freundin, die sie nicht vor dem Wahnsinn bewahren konnte. Eine Art Nachruf zu Lebzeiten.
Die Geschichte spielt zu Beginn der Sechziger Jahre in der voralpinen Ostschweiz. Im Institut Bausler, im Dorf Teufen, erwerben höhere Töchter aus ganz Europa ihre Allgemeinbildung. Die vierzehnjährige Erzählerin lebt seit ihrem achten Lebensjahr in Internaten. Am Wochenende trifft sie den Vater; die Mutter lebt in Brasilien. Sie langweilt sich. Da kommt eine Neue: Frédérique, eine Genfer Bankierstochter. Die Erzählerin wirbt beharrlich um die Freundschaft des hochbegabten, aber unnahbaren Mädchens. Auf langen Spaziergängen kommen sie sich näher – geistig und seelisch. „Wir hatten eine Art von Fanatismus, der uns jede körperliche Äusserung verbot“. Frédérique ist eine Nihilistin, sie lehnt die herrschende Ordnung der Welt von Grund auf ab. Doch sie rebelliert nicht. „Frédérique verbarg ihre Verachtung hinter Gehorsam, Disziplin, Respekt.“ Die Erzählerin möchte mit der neuen Freundin das Zimmer teilen. Doch Mutter genehmigt es nicht – die Tochter soll bei ihrer deutschen Zimmergenossin bleiben, Deutsch lernen ist wichtiger als Freundschaft. Sie rebelliert nicht.
Nach einem halben Jahr wendet sich die Erzählerin einem anderen Mädchen zu, der fröhlichen und zugänglichen Micheline. Sie vernachlässigt Frédérique, hat ein schlechtes Gewissen. Doch Frédérique reagiert darauf nicht, „losgelöst von uns allen, losgelöst von der Welt.“ Da stirbt Frédériques Vater, sie verlässt das Institut, bricht den Kontakt ab.
Zweimal begegnen sie sich später. Die Erzählerin ist wieder fasziniert von Frédériques Schönheit und von der Strenge ihres aketischen Lebensentwurfs. Doch zeichnet sich Frédériques Wahnsinn immer deutlicher ab: Sie verkehrt mit Gespenstern. Dann zündet sie das Haus ihrer Eltern an.
Der Titel der Novelle tönt leicht anrüchig. Doch es geht nicht um Sadismus, das „Bausler“ ist pädagogisch fortschrittlich. Es geht vielleicht um die Frage, warum uns Ordnung so faszinieren kann. Wir sehen in der Novelle zwei entgegengesetzte Haltungen. Die meisten Zöglinge, darunter auch die Erzählerin, sehen die streng geordnete Zeit als Übergang und sehnen sich danach, hinaus zu kommen. Die Internatsordnung ist für sie lästig und manchmal entmutigend, jedoch auch ein sicheres Zeichen dafür, dass das wirkliche Leben noch kommen wird. Für Frédérique hingegen ist das Leben schon vorbei. Ihre Ordnungsbesessenheit hat etwas Gewalttätiges, sie muss damit ihre Verzweiflung niederhalten.
Sprachlich ist die Novelle ein Genuss. Auf knappen 120 Seiten erzählt Jaeggy in lockerer Folge die wesentlichen Szenen der Beziehung und des Internatslebens. Die Gestaltung ist realistisch, die Sprache manchmal beiläufig und alltagsnah. Für Atmosphäre und Tiefe sorgt ein dichtes Geflecht von Bildern. Trotzdem wirkt der Text nicht überladen.
Das Institut hat übrigens ein reales Vorbild. Das Voralpine Töchterinstitut Buser (1908 - 1972) war der Reformpädagogik verpflichtet (Renate Bräuniger (Hrsg.) „FrauenLeben Appenzell“, Herisau 1999, S. 328ff). Der Landschaft widmet Jaeggy einige schöne Passagen, sozusagen mit verspäteten Grüssen an Robert Walser, Zögling der Irrenanstalt im nahen Herisau. „Im Appenzell kann man nicht anders, man muss spazieren gehen.“
[ Lieblingszitat ] „Die Perfektion aus Internatszeiten hatte sich in ihrem Zimmer breitgemacht. Ein böser Blick trat in ihre Augen, ein Widerschein, der über ihre Lider glitt. Dann war sie wieder wie zuvor. Ruhig. Spöttisch. Ob mir kalt sei, fragte sie. Nicht besonders, antwortete ich, „pas tellement“. Sie hatte keinen Spiritus mehr, um uns zu wärmen. Sie lebt, dachte ich, wie in einem Grab.“ (S. 108)
[ Info ] Jaeggy, Fleur: Die seligen Jahre der Züchtigung.
(Sprache d. Buchs: Deutsch)
Berlin Verlag,
Mailand, 1996
(1989).
ISBN: 3-8270-0185-4.
Übersetzt aus dem Italienischen
Genre: Erzählende Prosa
Stichworte: Disziplin, Erziehung, Freundschaft, Internat, Jugend, Liebe, Mächen, Teufen, Todessehnsucht, Wahnsinn, Appenzell
Stil: bilderreich, dicht, locker, lyrisch
Empfohlen für: für Liebhaber des Appenzellerlandes, für höhere Töchter, für Internatsschülerinnen
Sprachen (Buchtipp): Deutsch