Über Beat Mazenauer
- Leserprofil
Name: Beat Mazenauer
Sprache: Deutsch
Stadt: Luzern
Land: CHE
Bücher: 147
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[ Buchtipp von Beat Mazenauer ] Zwei Ehepaare mittleren Alters treffen sich in einem Toprestaurant zum Dinner, um eine heikle Sache zu besprechen, die sie gemeinsam betrifft. Es geht um die Kinder. Der Erzähler Paul Lohman und seine Frau Claire haben einen 15-jährigen Sohn, Michel. Er treibt sich häufig mit Rick herum, dem Sohn von Serge und Babette Lohman. Paul und Serge sind Brüder, wobei Serge, der Erfolgreichere von beiden, als designierter Spitzenkandidat fürs Ministerpräsidium besonders im Rampenlicht steht.
Während Gang um Gang ein schickes Mahl aufgetragen wird, beginnt es im Erzähler drin allmählich zu brodeln, wobei immer deutlicher seine Konkurrenz zum Bruder spürbar wird. Dessen joviales Auftreten widerstrebt ihm instinktiv; er und Claire setzen ihm ein scheinbar glückliches Familienleben entgegen – ja wäre da nicht die Sache mit Michel. Während des Hauptgangs beginnt das diskursive Spielfeld sachte zu kippen und setzt die Eskalation in Gang.
Herman Koch baut mit grösster Behutsamkeit eine Spannung auf, die sich mitten im Dinner schlagartig entlädt. Im Kern geht es darum, dass alle vier Erwachsenen je insgeheim wissen, dass ihre Söhne am Tod einer Pennerin schuldig sind. Noch weiss niemand ausser ihnen davon, doch für Serge ist die Sache in höchstem Masse heikel.
"Angerichtet" greift ein aktuelles, ja modisches Thema auf und macht es zum Zentrum eines spannenden Romans. Zwei eher schüchterne, normale Jungs kehren auf einmal ihre gewalttätige Seite heraus und lassen dafür jegliches Schuldbewusstsein vermissen. Eine solche Beschreibung greift allerdings zu kurz. Herman Koch geht einen entscheidenden Schritt weiter. Es geht ihm weniger um die Kinder als um die Eltern und ihre Strategien, die Normalität zu wahren und dafür das Verbrechen zu opfern. Dieser Diskurs des Verdrängens und damit einhergehend der Schuldumkehr bildet das Zentrum des Romans. Ist die stinkende Pennerin nicht selbst schuld, dass sie ein wenig gepiesackt wurde? Anders gefragt: Wie schuldig muss ein Opfer sein, damit es seinen Tod verdient?
Und welchen Preis hat das Glück?
Herman Koch dreht das Gespräch am Esstisch um einige Ecken herum und verleiht so seiner Geschichte eine gespenstische Note, die über das besprochene Verbrechen hinausreicht. "Hier braucht niemand anderen in einem Geldautomatenhäuschen im Weg zu liegen." Pauls salopper Tonfall kehrt mehr und mehr seinen verbohrten Ingrimm hervor, der, wie wir erfahren, auf einer psychischen Störung gründet, weswegen er seit Jahren arbeitslos ist. Paul will nur noch eines: Normalität.
Im brillant einfachen Setting eines Dinnerabends wickelt Herman Koch eine einfache Geschichte um sich selbst herum und serviert am Schluss die böse Rechnung. Die Hölle, das sind die anderen? Oder nicht eher wir selbst? Alle kriegen bei der Auseinandersetzung ihr Fett ab – am Ende jedoch beweist ausgerechnet der Politiker, dass er so etwas wie ein Gewissen hat. Als Einziger. Claire dagegen, die sympathische, treu sorgende Frau und Mutter ... Herman Koch dreht nochmals an der Schraube. Sein Roman stellt ungemütliche Fragen an uns selbst und hinterlässt trotz exquisiter Speisen einen beunruhigenden, schalen Nachgeschmack.
[ Info ] Koch, Herman: Angerichtet.
(Sprache d. Buchs: Deutsch)
Kiepenheuer & Witsch,
Köln, 2010
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Übersetzt aus Niederländisch von Heike Baryga
Genre: Roman
Stichworte: Gesellschaftskritik, Jugend, Jugendgewalt, Strafe, Verdrängung, Eltern
Stil: bösartig, lakonisch, pointiert, subtil
Empfohlen für: Gesellschaftskritik, Eltern, Familienroman
Sprachen (Buchtipp): Deutsch