[ Buchtipp von Michel Mettler ]
Die kosmische Pausentaste
Die Idee ist pubertär, doch von plotbildender Kraft: Ein nicht mehr ganz junger Mann hat gelernt, die Zeit anzuhalten. Nun erkundet er lustvoll die eingefrorenen Szenerien des Augenblicks.
Nicholson Baker, bekannt geworden mit der Novelle Vox, hat mit Die Fermate sein bisher kühnstes Buch geschrieben. Arno Strine, gescheiterter Student, geprägt von Kontaktscheu und dem Solipsismus der urbanen Welt, benützt seine Einfrier-Fähigkeit, um dem auf die Spur zu kommen, was er in der Flucht des Alltags nie zu fassen kriegt: das Leben seiner Nächsten. Als solitärer Sonderling arbeitet er in unteren Chargen und hängt retardierten Sexphantasien nach. Seine seltene Gabe schickt den Leser auf einen wilden Ritt zwischen der Situationskomik voyeuristischer Studien und dem philosophischen Tiefgang, der entsteht, wenn Kosmisches in der Verkürzung des Alltags erscheint.
Die pausierte Welt zeigt ein neues, groteskes Gesicht, etwa wenn Arno im heimischen Bett das Leben lässt sich am besten untersuchen, wenn es angehalten ist! die Pausentaste drückt, um von der Seite zu betrachten, wie seine Freundin bei Sex mit ihm aussieht.
Die Verfahren, die den Zauberlehrling in Anhalte-Laune bringen, sind von literarischer Hochkomik. Oder haben Sie jemals ein ausgewähltes Garn durch Ihre Fingerschwiele gezogen, um es an der Waschmaschinenzentrifuge zu befestigen? Ja? Dann bitte kräftig auf die Zeitbremse treten!
Und Die Fermate mitnehmen!
[ Info ] Baker, Nicholson: Die Fermate (Dt. v. Eike Schönfeld / Orig. The Fermata.
Rowohlt TB,
Reinbek b. Hamburg 1996 (orig.94
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