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Lolita

Nabokov, Vladimir

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[ Buchtipp von Freie Bibliothek ] Humbert Humbert´s gefährlicher Road-Trip durch Amerika zählt zum Besten, was die Romanliteratur des 20. Jahrhunderts zu bieten hat.
Ich liebe den Symbolismus und beißenden Spott in „Lolita“, der so intelligent daherkommt, daß sich sein Autor sogar erlauben darf, witzig zu sein.
Die Ausflugsszene, bei der die notgeile Mrs. Haze eine Runde im See dreht, während sich die 12-jährige Lolita lasziv in der Sonne räkelt, und Humbert in seiner Phantasie diverse Möglichkeiten durchspielt, wie er sie unauffällig ertränken könnte (bevor sich das Problem der Mutterkuh von selbst erledigt, indem sie wie auf Befehl vor ein Auto läuft) ist zum Schreien und gehört zum Besten, was ich je gelesen habe.
Aber das ist nur eine von vielen, zum Bersten komischer Stellen, die sich unauslöschlich ins Gehirn brennt, während die Synapsen brodelnd überlaufen und nicht wissen wohin mit all der Transmittersäure.
Schon die erste Seite ist eine Wucht, und wer sich zuvor mit der einschlägigen Fachliteratur zum „Oberton-Thema“ „Pädophilie“ beschäftigt hat, wird seine doppelte Freude haben. Nabokov parodiert in „Lolita“ die Irrungen und Wirrungen der kompletten Psychologie und -pathologie, verteilt Seitenhiebe an so ziemlich jede wissenschaftliche Disziplin, die sich zu diesem Thema bis dahin geäußert hat, spielt an auf sämtliche thematisch verwandten Werke der Weltliteratur und ist dabei komisch, witzig, intelligent, genial: ein einziger Geniestreich!
Am genialsten finde ich die formale Bild-Ästhetik dieses Werks, die es selbst einem in Worte denkenden Menschen wie mir erlaubt, visuelle Kraft zu genießen und so meine notorische Unfähigkeit, Geschmack aus bildlichen Eindrücken zu gewinnen, kompensiert. Das könnte mitunter ein Grund sein, weshalb dieses Buch eine derartig fulminante Wirkung ausüben kann: die Kombination aus intelligenten Wortkonstruktionen und sensualer Bildkraft, die bei mir als Katalysator wirkt und beide Gehirnhälften zusammen zu schalten vermag.
Und noch ein Satz für alle, die immer noch meinen, einen Skandal aus diesem Buch machen zu müssen, indem sie ihre perverse Neigung auf das Buch projizieren:
„Was dem einen Perversion, ist dem anderen das Lachen des Genies!“

[ Info ] Nabokov, Vladimir: Lolita. Rowohlt Taschenbuch, Reinbek bei Hamburg/2004 . ISBN: 3-499-23589-7.


Dieses Buch ist ...

Genre: Roman
Stichworte: beeindruckend, meisterhaft
Stil: spannend, satirisch
Empfohlen für: Sprachgenuss, Lektüre zum Nachdenken
Sprachen (Buchtipp): Deutsch


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Margit Strobl

[ 19.03.06 - 15:01 ] [ Kommentar von Margit Strobl ] Frage an die Community: Lo-li-ta liest im Buch leidenschaftlich gern Brétacher - Comic´s, die es auch in der Realität gibt. Die durch ihre „Frustrierten“ -Comic´s berühmt gewordene französische Zeichnerin wurde 1940 geboren, das Buch Lolita erschien erstmals 1955. Gibt es hier einen Zusammenhang, falls ja, welchen?


Margit Strobl

[ 05.03.06 - 09:01 ] [ Kommentar von Margit Strobl ] Die Amerika - Europa Interpretation hat Nabokov zurückgewiesen (eh klar): ein Beispiel mehr, daß Literatur"wissenschaftler" dazu neigen, alles historisch zu deuten und oft nicht in der Lage sind (sein wollen?), zwischen Autor und Werk zu unterscheiden. Im Sinne einer selbsterfüllenden "prä-phozeiung" läßt sich ja so einiges in Lolita hineinprojizieren, was aber einer genaueren Betrachtung nicht standhält.


Margit Strobl

[ 04.03.06 - 22:18 ] [ Kommentar von Margit Strobl ] Schon das fiktive „Vorwort des Herausgebers“ kündigt eine Welle versteckter Angriffe gegen die zu kurz gefaßten Ansichten der Nachfahren eines gewissen Leid-Philosophen an, deren Hirne gefüllt sind von Dijon-farbenen Auswurf kleiner Babys. Danke Nabokov, du hast mich mit dem Symbolismus versöhnt!


Margit Strobl

[ 04.03.06 - 21:51 ] [ Kommentar von Margit Strobl ] „Wenn wir das veröffentlichen, gehen sie und ich ins Zuchthaus“, ein Kommentar das sowohl dem Verleger der Olympia-Press, als auch jenem von William Faulkner´s Buch „Freistatt“ zugeschrieben wird. Wer hat da von wem abgeschrieben?


Margit Strobl

[ 04.03.06 - 21:47 ] [ Kommentar von Margit Strobl ] Deutungsversuch: Humbert (der Pädo = Kind, philia = Liebe(nde), hat in Wahrheit keine Präferenz für Kinder an sich, viel mehr ist sein sehnsuchtsvolles Interesse an Lolita Folge seines unterbrochenen Stranderlebnisses. ) Humbert Humbert (der pädo-sexuelle), Quilty (der triebgesteuerte Perverse unter Mißachtung der kindlichen Würde Agierende, den Lolita Jahre später einer –was die Psychologie betrifft- widersprüchlichen Logik folgend dem HH bzw. H hypothetisch vorziehen würde (es aber nicht tut: sie läßt sich von einem debilen Arbeiter schwängern, der von ihrer Vergangenheit nichts versteht und weiß), da das Zusammensein mit ihrem Peiniger, der sie körperlich mißbrauchte, leichter fiele als mit jenem, der sie liebt, wodurch die Frage, wer wen mißbraucht hat (das alte Europa das junge Amerika?, Oder: das junge Amerika das alte Europa? bzw.: Ist es eine Mischung von beidem, von keinem, eine Vergewaltigung beider durch Einmischung der „Sowjetunion“, oder das traurige Ergebnis einer unglücklichen Situation? zwar eindeutig beantwortbar (es war Quilty), aber unerheblich ist, da Quilty sei´s wie sei durch sein Verhalten –mit einer ebenso obligatorischen Konsequenz wie etwa ein Stein aufgrund der Gravitation zu Boden fällt- ermordet werden muß. Und zwar nicht irgendwie, sondern auf möglichst grausame (aber gerechte) Weise, wie der Schluß zeigt. Bretecher´s Comic´s stellen übrigens jenen Mixer dar, der Realität und Fiktion vermengt. Das interessante an dieser Deutung ist, daß sie die Vorgänge so wiedergibt, wie es sich auch in Wirklichkeit zutragen würde. Quilty würde ermordet werden, könnte es nicht verhindern –und obwohl er selber Schuld daran ist- würde Humbert Humbert ins Gefängnis wandern. Den Sieg würde dennoch Humbert -und mit ihm die Wahrheit- davontragen. Meiner Ansicht nach besteht keine Chance für Quilty, sein Leben zu retten, ebenso wie es keine Chance für Humbert gibt, nicht zu morden. Was mich interessiert ist: Hätte Humbert sich das Gefängnis ersparen können, wenn er Quilty unauffälliger umgebracht oder umbringen hätte lassen, oder war es zwingend, Quilty spüren zu lassen, wer ihn da tötet, und ihm dabei in die Augen zu sehen, der Rache willen? Ich würde sagen: Ja, es war not-wendig. Der Tod Quiltys allein wäre nicht befriedigend genug gewesen: Er mußte es schon selber tun.


Margit Strobl

[ 04.03.06 - 21:30 ] [ Kommentar von Margit Strobl ] Das ich offenbar nicht der einzige bin, der „Lolita“ genial findet, läßt sich neben dem Welterfolg auch am Preis der signierten Olympia-Press Originalausgabe von 1955 ablesen: stolze 65.000 Euro!


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