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Buchtipp
Juan Rulfo, Pedro Páramo
Im Jahr 1910 betrug die Gesamtbevölkerung Mexikos nicht mehr als 16 Millionen Einwohner, 1920 war sie um zwei Millionen dezimiert. Zehn Jahre Bürgerkrieg hatten jeden achten Mexikaner dahingerafft, die danach einsetzende Landflucht hält bis heute an. Derzeit leben in der von Vulkanen bewachten überschaubaren Hochebene von Mexiko Stadt mehr Menschen als Anfang des Jahrhunderts in dem fast zwei Millionen Quadratkilometer umfassenden Land. Einer der Kinder dieser verlorenen Generation ist der 1917 geborene Juan Rulfo, Sohn einer Gutsbesitzerfamilie im Staat Jalisco, die im Bürgerkrieg einen Großteil ihres Besitztums verlor. Im frühen Jugendalter wurde Rulfo Vollwaise und schloß sich bald dem Menschenstrom an, der sich noch heute durch die unzähligen Vorstädte von Mexiko Stadt ergießt und in jeden U-Bahn-Schacht dringt unter den Sümpfen des von den Spaniern verwüsteten aztekischen Tenochtitlán.
1955 erscheint beim Fondo de Cultura Económica ein schmaler Band in kleiner Auflage mit dem Titel Pedro Páramo. Ein unspektakuläres Debut, das weder bei der Leserschaft noch bei der Kritik großen Anklang findet. Sein Autor war Beamter bei der mexikanischen Einwanderungsbehörde gewesen und versucht sich nun als freier Schriftsteller. Sein Name Juan Rulfo. Er schreibt zurück an seine eigene Generation, aus der Asphaltstadt an die unheimliche Heimat in den kargen Hochebenen von Jalisca unter der sengenden Glut der Sonne: jetzt sanken wir tief ein in die Hitze, eine Hitze, in der es keinen Wind mehr gab. Es war, als ob alle Dinge auf etwas warteten. (9)
Nach dem Tod seiner Mutter macht sich der Ich-Erzähler Juan Preciado auf die Suche nach seinem Vater Pedro Páramo, dem berüchtigten und gehassten Großgrundbesitzer von Comala. Er möchte seine Ansprüche als unehelicher Sohn geltend machen und damit den letzten Wunsch seiner Mutter erfüllen. Das Wort páramo im mexikanischen Spanisch bedeutet ödes Hochland. Der Gang aus der großen Stadt in den Höllenschlund der eigenen Herkunft führt in ein Land, das vertraut und unheimlich zugleich ist. Ich bin Carmen Dyada. Treten Sie ein!, begrüßt ihn der erste Mensch, dem er dort begegnet. Es war als hätte sie mich erwartet. Es wäre alles bereit für mich, sagte sie, während sie mich durch eine Reihe dunkler Räume führte, die anscheinend vollkommen leer waren. (13)
Schnell findet der Erzähler heraus, dass dieses Totenreich der Vergangenheit auf geheimnisvolle Weise mit der Mutter in Kontakt steht und alles über ihn weiß, als hätten sie Comala nie verlassen. Die von der Landflucht entvölkerte Provinz ist eine Geisterstadt voller Stimmen, Klagen und Geschichten, die sich um den Patriarchen Pedro Páramo ranken, der mit eiserner Faust die gesamte Region tyrannisiert. Am Ende des Romans zerfällt er in sich selbst, ohne dass sein gewaltsames Wirken jemals nachgelassen hätte. Der Tod seines Sohnes und Erben Miguel und die Unerreichbarkeit seiner einzigen wirklichen Liebe Susana berauben ihn des Lebens, das er immer fest unter seiner Macht zu haben glaubte. Pedro Páramo kehrt zum öden Hochland zurück, das er im eigenen Namen trägt: er betete in seinem Innern, aber er sagte kein einziges Wort. Er schlug hart auf die Erde auf und fiel auseinander wie ein Haufen Steine. (133) Dieser Vorfall aber ist nur Geschichte, Stimme, kollektive Erinnerung. Pedro Páramo ist schon tot umgebracht von seinem Sohn Abundio als Juan davon hört, und auch er wird bald zurückkehren zu den ausgebleichten Steinen, und zwar bereits nach der ersten Hälfte des Romans. Die Chronologie des Romans ist aufgelöst in Geschichten und kollektiven Erinnerungen. Der gesamte Roman ist als ein fein austariertes Geflecht von Stimmen angelegt, die zwischen verschiedenen Reichen wandern zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Wirklichkeit und Einbildung, zwischen Leben und Tod. Sehr bald verirrt sich der Leser in den Zeitverläufen des Romans.
Die ständige Umkehrung des menschlichen Zeitempfindens wird in schwindelerregende Metaphern gefasst: Wenn es anfängt, Morgen zu werden, kehrt der Tag langsam um. Man hört fast die verrosteten Angeln der Erde, die sich drehen, das Schwingen dieser alten Erde, die ihre Dunkelheit von sich wirft. (117) Viele Kritiker haben Rulfo in die Nähe seiner literarischen Meister gerückt William Faulkner, Thomas Wolfe, James Joyce, Knut Hamsun. Deren Einfluss ist sicher allenthalben spürbar, dennoch hat sich Rulfo eine ganz eigenwillige Kunst bewahrt, die Schnitte der Zeitmontagen von jeder psychologischen Motivation freizuhalten. Die einzelnen Teile werden mit Präzisionsnähten zusammengeschweißt, die nie ganz erkalten und wie Wunden oder Narben den Text durchkreuzen. Wir wissen nie genau, wo wir uns befinden und doch verlieren wir nie vollkommen unsere Orientierung. Wir müssen die Psychologie im Staub verscharren, bevor wir in diese Geisterstadt eintreten, deren Zeitrahmen zwischen Sterben und Tod liegt, also eine ganze Ewigkeit umfasst. Gabriel García Marquez, einer der großen Bewunderer dieses kleinen Romans, bemerkte einmal, dass keiner der Leser Rulfos wisse, wie lange die Jahre des Sterbens in Wirklichkeit dauern.
Kurz vor seinem Tod tritt Juan Preciado in ein Traumgespräch mit seiner Mutter, die ihm von ihrer Sehnsucht nach Comala erzählt als habe sie dort je Heimat erlebt: Mein Sohn, dort wirst du mein Zuhause finden, den Ort, den ich liebgehabt habe. Wo ich vom Träumen mager wurde. [
] Da wirst Du fühlen, dass man dort für alle Ewigkeit bleiben möchte. Sonnenaufgang, Morgen, Mittag und Abend, alles ist immer gleich, einen Tag wie den anderen, nur die Luft ist immer verschieden. Dies Dorf, wo die Dinge mit der Luft ihre Farbe ändern, wo das Leben hindurchstreicht, als wäre es nur ein Rauschen, als wäre es nur ein Flüstern, nur ein Hauch vom Leben
Ja, Dorothea, das Flüstern hat mich getötet.
Im Spanischen Original finden wir für Flüstern den Begriff murmullo. Das dürfte ein direkter biblischer Bezug sein. Im ersten Buch der Könige hadert der Prophet Elias, von seinem eigenen Volk verlassen, mit Gott: Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriß und die Felsen zerbrach, kam vor dem Herrn her; der Herr aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der Herr war nicht im Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der Herr war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen [Flüstern]. (1 Könige 19:11-12) Plötzlich schimmert hinter der Nostalgie der Mutter eine religiöse Sehnsucht durch. Doch Comala ist nicht der Berg Horeb, und Juan ist nicht der Prophet Elias. Er stirbt am Warten auf das erlösende Sausen. El Murmullo war der Titel des ursprünglichen Buchmanuskripts.
Jede Zeile des Romans ist mit Blut und nicht mit Tinte geschrieben. Eine Prosa von unheimlicher Leucht- und Verzauberungskraft. Eine Elegie, die zwischen den spröden Dialogen wie eine Silberader im Fels verläuft. Ein grandioses Porträt menschlicher Einsamkeit. Wer sich Mexiko mit seinen Widersprüchen und Obsessionen annähern möchte, kommt um zwei Namen nicht herum Octavio Paz und Juan Rulfo.
JUAN RULFO, Pedro Páramo, übersetzt von Mariane Frenk, Frankfurt/Main: Suhrkamp 2003.
Genre: Roman
Stichworte: meisterhaft
Stil: experimentell
Empfohlen für: Lektüre zum Nachdenken
Sprachen (Buchtipp): Deutsch
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