[ Buchtipp von Literaturhaus Wien ] Michaela Schmitz schreibt
"der inhalt ist der feind jedes textes"
Im Gespräch über Literatur beschränkte sich H.C. Artmann auf das Wesentliche. Friedrich Achleitner gab er einmal zu einem seiner Texte den Rat: "Geh, das A putzt' aber aus". Womit er den Schriftsteller auf das verwies, worauf es beim Schreiben ankommt: Buchstaben, Schrift, Sprache. Sie sind das Material, aus dem Geschichten gemacht werden. Die Bau-Steine, auf die ein Sprach-Architekt wie Achleitner - in seiner Doppelexistenz als schreibender Baumeister in buchstäblichem Sinne - angewiesen ist.
Ohne Steine kein Haus, "und ohne schrift geht gar nichts", wissen auch die "männer" der gleichnamigen Geschichte aus Achleitners neuem Kurzprosaband "und oder oder und". Sie kommen nicht heraus aus der eigenen abgeschlossenen Wirklichkeit des Textes: "wir sind nur buchstaben, und unsere existenz hängt von einem schreiberling ab." Deshalb ist es, das hat der Leser zwei Texte vorher in "geschichte oder waggon" gelernt, nicht egal, ob wir uns in einer Geschichte oder in einem "real existierenden waggon" befinden.
Womit wir schon mittendrin wären: in Achleitners Geschichten. Kurze Texte, nie mehr als eine Seite lang, in denen der Autor die Sprachmaterialität bearbeitet, um die texteigene Wirklichkeit sichtbar werden zu lassen. "ich seh so gern beim machen von geschichten zu" - das Motto seiner 2003 erschienenen "einschlafgeschichten" ist Programm: In bewusst gewählter Distanz zum Erzählvorgang beobachtet sich der Autor beim Entstehungsprozess permanent selbst. Eine Art "making of" des Schreibens. Womit wir mittendrin und zugleich schon wieder draußen sind: aus Achleitners Geschichten.
[Die vollständige Rezension finden Sie im online Buchmagazin der Dokumentationsstelle für neuere österreichische
Literatur im Literaturhaus]
[ Info ] Achleitner, Friedrich: und oder oder und.
Zsolnay Verlag,
Wien 2006
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ISBN: 3-552-05369-7.
[ 07.04.06 - 22:53 ] [ Kommentar von Margit Strobl ] Joseph Brodsky hat das Gegenteil behauptet: Die Sprache bedient sich dem Dichter -er ist Werkzeug, Medium, ja Sklave der Sprache. Achleitner schreibt sich nach oben. Brodsky nimmt den Text und macht ihn sichtbar, trägt ihn nach unten. Ersteres kann, zweites muss geschrieben werden.