[ Buchtipp von Literaturhaus Wien ] Klaus Zeyringer über Thomas Glavinic
Dem Phrasenmarkt der Boulevardmedien stellt Glavinics Roman Der Kameramörder einen Bericht gegenüber. "Ich wurde gebeten, alles aufzuschreiben", lautet der erste Satz in versuchter Amtlichkeit eines Protokolls. Ein Paar besucht Freunde in der Steiermark; die Gemütlichkeit der Ostertage wird durch die Nachricht von einem - soeben in der Nähe verübten - Doppelmord verdrängt. Ein Mann hat drei Kinder in seine Gewalt gebracht und zwei gezwungen, sich von Waldbäumen in den Tod zu stürzen; das Geschehen, den zynischen Psychoterror hat er gefilmt. Da die Videokassette gefunden, einem deutschen Privatsender zugespielt und von diesem (natürlich mit Werbeunterbrechungen) ausgestrahlt wird, beginnt der Mechanismus der Sensationsmedien mit seinen Folgen: Polizeiaufmarsch, Massenhysterie, Schreckens-Tourismus, Politikerreden. Der Mann, der auf Besuch ist, notiert als anscheinend nüchterner Berichterstatter die Ereignisse mit der scheinbaren Präzision des äußeren Lebens. Dabei bleibt er selbst nicht nur namenlos, sondern - im Gegensatz zu der zunehmend hysterischen Umgebung - auch ohne Emotionen. Er tritt hinter den Sätzen ebensowenig hervor wie der Mörder hinter der Kamera und verstellt wie jener die Stimme. Dieser plausible Duktus des Kleinamtsdeutsch trägt die Erzählung bis zum Schluß, der erkennen läßt, in welche Tiefenschichten diese Prosa führt: "Jeder Mensch ist ein Abgrund". Der Kameramörder ist ein spannendes Werk, das illustriert, wie soziale Wirklichkeiten und menschliche Abgründe unter den heutigen Kommunikationsverhältnissen aussehen.
[ Info ] Glavinic, Thomas: Der Kameramörder.
Volk & Welt,
Berlin 2001
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ISBN: 3-353-01191-9.