[ Buchtipp von Literaturhaus Wien ] Klaus Zeyringer über ABSOLUT HOMER und Josef Winkler
Ein ganzes Produktions- und Reflexionssystem umfaßt Grond Absolut Homer. Ausgehend von den Debatten über den aktuellen Literaturbetrieb und vom "Porträt des Künstlers als der in die Jahre gekommene Rebell" entwickelte Walter Grond die Vorstellung einer neuen Odyssee als eine Art poetischer Staffellauf. Angelehnt an Konzepte von Andy Warhol und Joseph Beuys entstand ein Projekt aus zwei Teilen: einem Veranstaltungs-Betrieb in Graz und einem Reise-Betrieb, der einen kollektiven Roman schuf, eine von 21 Autorinnen und Autoren geschriebene Odyssee-Travestie. Sie setzt bei der modernen Odyssee von James Joyce und in Triest an, führt in doppelten Erzähl-Bewegungen durch Europa und durch die Welt: Kirke wohnt bei den Lofoten, die Sirenen sitzen in Brasilien etc., während der Telemach-Erzähler im Text-Teil von Walter Grond selbst Europa als Museum des Grauens des 20. Jahrhunderts entdeckt. Damit liefert er zugleich einen Beweggrund für alle anderen Reisen, auf denen wiederum die Scherben Europas in der ganzen Welt gefunden werden.
Josef Winklers Odyssee-Nachreise führt nach Indien und verbindet das Fremde, insbesondere den dortigen Totenkult, mit der Winklers Werk zugrundeliegenden Thematik und Motivik: Zerfallsvisionen, Körperlichkeit, Rituale, Sprachvermittlung. Wie Winkler breiter in seinem Roman Domra (1996) schildert, lassen sich aus dem Zeremoniell am Ganges - und auch aus dieser Etappe der Absolut-Odyssee - Projektionen auf eigene Lebens- und Todesvorstellungen gewinnen.
[ Info ] Grond, Walter (Hrsg): GROND ABSOLUT HOMER.
Droschl,
Graz 1995
.
ISBN: 3-85420-410-8.