[ Buchtipp von Literaturhaus Wien ] Klaus Zeyringer über Heimrad Bäcker
1986 erschien, von den deutschen Großkritikern und Literarhistorikern bislang unbemerkt, ein Band von Heimrad Bäcker, gewiß ein "Hauptwerk der konkreten Poesie": nachschrift - 1997 folgte nachschrift 2. Das "System Nachschrift" stellt Heimrad Bäcker der Anschauung entgegen, daß beim Schreiben über den Holocaust dem Übermaß an Leid kein Wort gerecht werde, daß Auschwitz nicht formulierbar sei, weil dies Fakten, die sich humanen Modi entziehen, wieder humanisiere. Die adäquate Sprache ist für Heimrad Bäcker genau jene des Schreckens: Es sind dies Listen, Eintragungen, Verbote, Daten, Protokolle, Briefe, Todeszahlen, Befehle, Aussagen vor Gericht. Alle diese in nachschrift angeordneten Fragmente, aus denen das System des Ganzen schaut, sind im Anhang sorgfältig nachgewiesen. In dem formalen Prinzip, in dem auch die Fläche der Buchseite zum konstitutiven Element des Textes wird, erreicht das Dokument eine neue Wirksamkeit.
Das totale Vernichtungswerk entsteht in erschütternder Deutlichkeit. Die Isolierung der Sätze und Zeichen entzieht der systematischen Unmenschlichkeit ihre administrative Tarnung. Die "logistische Herausforderung", als die der Holocaust den Mördern erscheint, wird bloßgestellt; ein einziger Satz aus einer Verordnung kann den Ausdruck "Schreibtischtäter" konkretisieren: "wenn der blockschreiber irrtümlicherweise eine nummer mit dem vermerk verstorben versieht, kann solch ein fehler später einfach durch die exekution des nummernträgers korrigiert werden". In den Schriftzeichen des Systemes Auschwitz sind dessen Ideologie und Mechanik eingelagert; Heimrad Bäcker hat sie zur Kenntlichkeit aufgebrochen. Die Fakten erweisen sich, gerade in diesem literarischen "System Nachschrift", als enthumanisierte Modi der Bestialität.
[ Info ] Bäcker, Heimrad: nachschrift 2.
Droschl,,
Graz, Wien 1997
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ISBN: 3-85420-472-8.