[ Buchtipp von Literaturhaus Wien ] Klaus Zeyringer über Daniel Kehlmann
Ein Prachtexemplar einer eitlen Figur des Kunstbetriebes, die von so penetranter Aufdringlichkeit ist, daß ihr die eigenen Fauxpas nur als Paradeschritte auffallen, hat Daniel Kehlmann in dem Roman Ich und Kaminski (2003) geschaffen: Dieser Ich-Erzähler Zöllner trägt sein Ego im Titel voran. Zöllner will ein Buch über einen berühmten, in einem Alpenweiler zurückgezogenen Maler schreiben und setzt zwecks Publicity auf das baldige Ableben des alten Meisters. Wie andere junge Männer in der Literatur fährt er steil in die Berge hinauf, nicht aber als Lernender. Er ist der Questor-Held als unangenehme Person, die sich überall hineindrängen will. Der von Matisse und Picasso geschätzte Kaminski hatte seinerzeit durch die Bilderserie "Reflexionen", in der ein System von Spiegelungen "grausilberne Gänge in die Unendlichkeit" öffnet, Berühmtheit erlangt, und durch seinen Beitrag zu einer New Yorker Pop-Art-Ausstellung, "Die Befragung des heiligen Thomas", mit dem Zusatz "painted by a blind man". Des blinden Malers Erfolgsgeschichte mit ihren geheimnisvollen blinden Flecken enthält somit im Kern, fein angespielt, die Fragen, die vielfältig den Roman durchziehen: Was ist wahr, was ist sichtbar, was ist abbildbar? "Wir haben völlig falsche Bilder in uns", sagt Kaminski. Entsprechend ist er an seinen Selbstporträts gescheitert, die unvollendet im Keller-Atelier verstauben.
Der Biograph erhöht den Biographierten, um sich selbst zu erhöhen. Am Schluß landet er allerdings im Flachen, am Meer, wo die Flut seine Spuren und seine Gewißheiten löscht. Kehlmanns narrative Feinfühligkeit bettet die überraschenden Wendungen und die in Schwebe gehaltenen Situationen in einen Duktus, der des Biographen Aufdringlichkeit kontert � Ich und Kaminski ist in feiner Ironie gehalten und steigt, besonders in einer aberwitzigen Vernissage-Szene, in satirische Höhen.
[ Info ] Kehlmann, Daniel: Ich und Kaminski.
Suhrkamp,
Frankfurt/M. 2003
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ISBN: 3-518-41395-3.