[ Buchtipp von Literaturhaus Wien ] Klaus Zeyringer über Paulus Hochgatterer
In Wildwasser (1997) läßt Paulus Hochgatterer einen an den Eltern und den Älteren leidenden widerspenstigen Jugendlichen berichten, und auch der Roman adoleszenter Irrfahrten Caretta Caretta (1999) ist aus dieser Perspektive geschildert. Im Sommer 1998 will der fünfzehnjährige Dominik, der in einer sozialtherapeutischen Wohngemeinschaft lebt, schwarz mit dem Zug nach Paris. Nachdem er den Schaffner niedergeschlagen und von zwei dubiosen Männern einen Colt entwendet hat, zieht er die Notbremse und kehrt um. In Wien geht er wieder seinen Geschäftchen und der Prostitution nach, taucht er durch die Konflikte, hält er sich an die Bilder von Fußballern und Tieren. Schließlich reist Dominik mit der "Neuen" aus der WG und einem sterbenden Justizwachebeamten in die Türkei, um das sentimentalische Titeltier Caretta Caretta zu sehen - diese Schildkröte soll manchmal weinen und eines unvorstellbaren Orientierungssinnes mächtig sein.
Geschickt baut Hochgatterer auf eine Konstruktion, in der sich die Vorgeschichte der brutalen Züchtigung durch den Stiefvater und dessen Bestrafung langsam erschließt. Die Welt der Erwachsenen und jene der Jugendlichen scheinen sonderbar nebeneinander zu existieren (entsprechend schildert Hochgatterer im 2002 publizierten Roman Über Raben parallel einen Lehrer und eine Schülerin, deren Geschichten zwar nicht zusammenkommen, aber doch nicht ohne Berührungspunkte bleiben.) Eine behutsame Metaphorisierung trägt mit den narrativen Sprüngen und den differenzierten Sprachniveaus zur Tiefenschärfe bei - seine scheinbar nüchterne Erzählweise, die mit einem einzigen kurzen Antippen weite Hintergründe zu eröffnen vermag, hat Hochgatterer in Eine kurze Geschichte vom Fliegenfischen (2003) perfektioniert: Drei Männer erleben einen Tag an einem Fluß; im ersten Satz erfährt man, beiläufig, daß es der 11. September 2001 ist...
[ Info ] Hochgatterer, Paulus: Caretta Caretta.
Deuticke,
Wien 1999
.
ISBN: 3 216 30484 1.