[ Buchtipp von Literaturhaus Wien ] Klaus Zeyringer über Norbert Gstrein
Auf eine furchtbare Wirklichkeit, die ein paar hundert Kilometer von Österreich entfernt, fast an der Grenze, seit Anfang der neunziger Jahre das Leben in einem großen Teil des Balkan bestimmt, bezieht sich Norbert Gstrein. Sein Roman Das Handwerk des Tötens (2003) schildert die Geschichte eines im Kosovo erschossenen Journalisten, des Tirolers Christian Allmayer, der für die deutschen Medien gearbeitet hat. Die ausgeklügelt vielschichtige Erzählung kommt aus der posthumen Perspektive eines entfernten Allmayer-Freundes, der die Nachforschungen eines anderen Freundes berichtet. Der Roman dreht sich nicht zuletzt darum, wie heute von dem hierzulande kaum in den Vorstellungen nachvollziehbaren Ereignis Krieg erzählt werden könne. Die Widmung am Anfang des Bandes bietet Poetik in konzentriertester Form: Sie beschwört das Gedenken an einen Menschen, "über dessen Leben und Tod ich zu wenig weiß, als daß ich davon erzählen könnte." Da dieser Satz offenbar weniger genau gelesen wurde, als der Dichter sein Werk ausführt, holt Gstrein 2004 in dem Bändchen Wem gehört eine Geschichte? weiter aus und erläutert, "wie beim Erzählen eine neue Art von Realität konstruiert wird". Dem Handwerk des Tötens wurde - neben den vielen lobenden Stimmen - in ein paar Rezensionen eine unlautere Abbildung der Wirklichkeit vorgeworfen. Sein Schreibverfahren, erklärt Gstrein in Wem gehört eine Geschichte? , betont ja gerade "die Konstruiertheit aller Realität" (dieser Ansatz liegt auch Gstreins großartigem Roman Die englischen Jahre, 1999, zugrunde). Mit der Figur des Christian Allmayer gestaltet er eindringlich das Exemplarische der Erfahrung eines scheinbar unbeteiligten Beobachters in einem Krieg. Die Geschichten und Mythen aus den jugoslawischen Trümmern erinnern ihn an die Alltagsaggressionen in seiner Heimat, sodaß er den Roman als Teil seiner Herkunftsgeschichte verstehen und der Gefahr entgehen konnte, "über die Grausamkeit des Krieges so zu schreiben, als wäre dergleichen nur auf dem Balkan möglich."
[ Info ] Gstrein, Norbert: Das Handwerk des Tötens.
Suhrkamp,
Frankfurt/M. 2003
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ISBN: 3-518-41459-3.