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[ Buchtipp von Schiller ] Wenige Minuten nach der Bluttat begreift der Mörder Christian Wolf schon nicht mehr, wie es dazu überhaupt kommen konnte. „Mein Gedächtnis war wie ausgestorben.“ Und es wird noch mehr solcher dramatischer Schlüsselmomente im Leben des ländlichen Gastwirts geben, das sich mehr und mehr auf die abschüssige, kriminelle Bahn bewegt. «Der Verbrecher aus Infamie» oder «aus verlorener Ehre», wie Schiller 1792 übersetzt, präsentiert sich als „eine wahre Geschichte“. Anonym 1786 in der eigenen Zeitschrift «Thalia» veröffentlicht, bezieht sich diese erste grössere Erzählung Schillers zwar auf den württenbergischen Kriminellen Friedrich Schwan (1729–1760), aber sie bezweckt mehr als einen verbrämten Tatsachenbericht. Angeregt von den modischen psychologischen Fallgeschichten, die etwa Aufklärer wie François Gayot de Pitaval oder August Gottlieb Meissner im 18. Jahrhundert zur Rechtskritik vorlegen, möchte Schiller Unterhaltungsbedürfnis und wissenschaftliche Neugier gleichermassen befriedigen. Schillers „Genie der Kolportage“ (Ernst Bloch) vermag das „Seltsame und Abenteuerliche“ nicht nur spannungsvoll zu gestalten, sondern gleichzeitig im Pathologischen auch sensibel und engagiert die „Struktur der menschlichen Seele“ aufzuspüren. Geschickt verbindet er dabei als Literat äussere Milieubeschreibung, dramatisch protokollierte Gespräche, Gerichtsdokumente und innere Bewusstseinsprozesse zu einer ganzen, neuen wie schlüssigen Erzählung der Kriminalistik. So als nähme er selber einen kleinen Teil der Arbeit vorweg, wie er es in der Vorrede für einen imaginierten Systematiker à la Linné der Psyche definiert: „das Menschengeschlecht nach Trieben und Neigungen zu klassifizieren.“ Und die Psychiatrie des folgenden Jahrhunderts, von Cesare Lombroso (1836–1909) bis Sigmund Freud (1856–1939), wird da in der Tat einiges zu enträtseln und neu zu erzählen suchen.
[ Lieblingszitat ] In der ganzen Geschichte des Menschen ist kein Kapitel unterrichtender für Herz und Geist, als die Annalen seiner Verirrungen.
[ Info ] Schiller, Friedrich: Der Verbrecher aus verlorener Ehre.
Eine wahre Geschichte.
(Sprache d. Buchs: Deutsch)
Philipp Reclam jun.,
ISBN: 978 3 15 008891 3.
Genre: Erzählende Prosa
Stichworte: Zufall, Wilddieb, Todesstrafe, Räuber, Mord, Hinrichtung, Gericht
Stil: Krimi, Realismus, spannend
Sprachen (Buchtipp): Deutsch
Schiller und der Markt (Auszug aus der rororo monographie, Audio-Version, mit Genehmigung durch den Verlag)