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[ Buchtipp von Schiller ] „Mich soll nur wundern“, habe Goethe vor Schillers «Maria Stuart»-Premiere im Jahr 1800 gemeint, „was das Publikum sagen wird, wenn die beiden Huren zusammenkommen und sich ihre Aventuren vorwerfen.“ Allzu Pikantes war zwar zensuriert worden, aber es verblieb immer noch einiges an erotischer Attraktivität in dieser „meisterhaft aufgebauten und vollendet durchgeführten Tragödie“ (Theodor W. Adorno). Schiller hatte die beiden Königinnen Elisabeth I. von England (1533–1603) und Maria Stuart v. Schottland (1542–1587) um mehr als zwanzig Jahre verjüngt und den historischen Stoff, der unmittelbar vor der Hinrichtung der gefangenen schottischen Femme fatale in Schloss Fotheringhay spielt, mit einigen Befreiung versprechenden Günstlingen neu versehen. Letztere vermögen zwar nicht das problematische und infolge fehlender Gewaltentrennung entstandene englische Todesurteil ungeschehen zu machen, aber umso mehr Rettungsillusionen vermitteln sie dem anziehenden weiblichen Opfer. Die sonst so zögerliche Elisabeth sieht da für ihre streng bewachte Konkurrentin klar und deutlich: „So sind die Männer. Lüstlinge sind alle!“ Und entsprechend kommt es schliesslich noch zu einem frei erfundenen Showdown der beiden mächtigen Frauen im Schlosspark. Als routinierter Dramatiker lässt Schiller daraus den logischen Vollzug des Todesurteils erfolgen und, etwas unmotivierter, die versöhnliche Gemütsruhe der Maria Stuart unmittelbar vor ihre Köpfung. Und erst jetzt bemerken feige Opportunisten wie Graf Leicester, was eine wirklich „schöne Seele“ ist. Wie das Publikum darauf reagiert? Nun, wer da ein allzu weiches Herz hat wie in Theodor Fontanes Roman «Frau Jenny Treibel» (1892) die Wirtschafterin Schmolke, der weiss aus dem Theater allein von „schönen Tränen“ zu berichten. „Da war denn doch eine Schnauberei, dass man gar nichts mehr verstehn konnte.“
[ Lieblingszitat ] Mässigung! Ich habe/Ertragen, was ein Mensch ertragen kann./Fahr' hin, lammherzige Gelassenheit!/Zum Himmel fliehe, leidende Geduld!/Spreng' endlich deine Bande, tritt hervor/Aus deiner Höhle, langverhaltner Groll!/Und du, der dem gereizten Basilisk/Den Mordblick gab, leg' auf die Zunge mir/Den gift'gen Pfeil - [Maria Stuart, III/4]
(Vgl. das embedded Audio)
[ Info ] Schiller, Friedrich: Maria Stuart.
Ein Trauerspiel.
(Sprache d. Buchs: Deutsch)
Philipp Reclam jun.,
ISBN: 978 3 15 000064 9.
Genre: Theaterstück
Stichworte: Verstellung, Verschwörung, Verrat, Todesstrafe, Moral, Maria Stuart, Hinrichtung, Gericht, Gefängnis, Elisabeth I. v. England, Einsamkeit
Stil: pathetisch, Ideendrama, Historiendrama
Sprachen (Buchtipp): Deutsch