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[ Buchtipp von ] Wenn der irische Schriftsteller George Bernard Shaw 1923 das Tribunal, welches 1431 die Jeanne d’Arc zum grausamen Feuertod verurteilte, nicht nur „ehrenhaft und gesetzlich, sondern sogar ausserordentlich barmherzig“ nennt, so sieht dies der französische Literat Paul Claudel (1868–1955) Mitte der 1930er Jahre ganz anders. In seinem „dramatischen Oratorium“ «Johanna auf dem Scheiterhaufen», das der Schweizer Musiker Arthur Honegger (1892–1955) dann 1938 vertonte, spricht er nicht nur vom in klerikalem „Gaunerwelsch“ zurechtgemachten Prozess, sondern parodiert ihn zugleich noch mit grotesken Richter-Tieren. Doch eigentlich ist es die gefesselte Johanna selber, die derart auf dem Scheiterhaufen fiebrig delirierend noch einmal kurz vor dem Tod allegorisch all ihre Lebensstationen Revue passieren lässt. Und indem sie aus „Liebe und Wahrheit“ vor der Inquisition ihre Erscheinungen nicht widerruft, zerbricht sie mit Hilfe der Heiligen Jungfrau gerade ihre weltlichen Ketten für den Höhepunkt einer Apotheose. Der kommentierende Chor sieht sie unbesiegt zum Himmel auflodern, hin zur ihren visionären Stimmen, „auf ewige Zeiten wie ein heiliges Licht in Frankreichs Mitte!“ So unhistorisch das katholische Credo anmuten mag, im gleichen Jahr 1938 wird auch Maxime Weygand (1867–1965) in seiner Militärgeschichte den „Geist der göttlichen Botschaft der Jungfrau aus Domremy“ für die Regeneration eines französischen Ritterheers beschwören, das im 100jährigen Krieg nach dem englischen Sieg bei Azincourt 1415 völlig zusammengebrochen war. Weht hier wie bei Claudel ein prospektiver Zeitgeist? Als Oberbefehlshaber der französischen Armee wird Weygand nur zwei Jahre später eine vergleichbar katastrophale Niederlage erleben müssen. Die Figur der Jeanne d’Arc und ihrer ermutigenden Sendung bekam damit seit 1940 für viele Franzosen von neuem eine unerwartet befreiende wie integrative Wirkung.
[ Lieblingszitat ] Ich habe verloren, but I am a winner all the same. [Bedford]
[ Info ] Claudel, Paul: Johanna auf dem Scheiterhaufen. Dramatisches Oratorium. (original language: Deutsch) Benziger Verlag, Einsiedeln/Zürich/Köln, 1958 (1938).
Genre: Anderes
Stil: pathetisch
Sprachen (Buchtipp): Deutsch